Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 9 (Dezember 1936)
- Article
- Erinnerung an einen Weltfreund [Rezension]
- Date
- 1936-12-01
- Page
- 425 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ner der Welt, der Kunst und des Menschengeschlechts weiß sehr gut, was die Dinge wert sind; er macht sich über nichts und über niemanden blauen Dunst vor und "hilft sich manchmal mit einem spöttischen Lachen, wo ein anderer schelten oder klagen würde. Diesen Kammermusiker des Stils würde ich jedem angehenden Schriftsteller in die Hand geben; da ist nichts von der Jonglierkunst überhitzter Geistreichigkeit noch von dem wissenschaftlich-ästhetischen Wortreichtum, der uns manchmal bei einem begabten Essaisten stört oder unfroh macht. Wenn man diese Art, Essais zu schreiben, einordnen will, muß man sehr weit zurückgehen. Vielleicht könnte man an Charles Lambs „Essays of Elia" denken. Da ist die gleiche Liebe zum scheinbar Unbedeutenden, und die gleiche Fähigkeit (freilich mit etwas überschüssigem Sentiment durchsetzt), im Kleinsten zugleich das Größte zu sehen. Es paßt zu der Art dieses Künstlers und Menschen, daß er dort am größten ist, wo er von den einfachsten Dingen erzählt. Etwas blaß und gestrig wirken heute seine Berichte über Kunst und Reisen, für den Tag geboren und mit dem Tage verweht; vielleicht haben wir auch diese Dinge schon zuckender und leidenschaftsheißer wiedergeben hören. Aber ganz gegenwartsnah, oder eigentlich besser zeitlos wirkt Rudolf Geck, wenn er mit Kindern oder mit Frauen oder mit Tieren spricht. Da findet er ein altes Schullesebuch — richtiger gesagt, er findet es nicht von ungefähr, sondern ein kleiner Junge zeigt es ihm, dem er bei den Schularbeiten hilft, als er bei einer Wanderung durchs Gebirge, vom Gewitter überrascht, in ein bäuerliches Gehöft eingetreten ist. Und das Schullesebuch mit dem prächtigen Kannitverstan und dem unendlich langen „Grafen von Habsburg" — das wird sein eigenes Lesebuch aus der Kinderzeit: „Abziehbilder lagen drin und Staniolpapier, und die schönsten Stellen in den Gedichten waren dick unterstrichen." Und er selbst wird wieder zum kleinen Jungen von einst. Doch es hieße dem Buch unrecht tun, wollte man den Eindruck erwecken, daß dies helle Auge nur den Freundlichkeiten und Besinnlichkeiten des Lebens sich öffnete. Der spukhafte Aufenthalt im Leichenraum des Krankenhauses; der Stromer, der Taugenichts, den die Mutter auf der Landstraße unter Schelten erwartet und endlich doch ans Herz zieht; die Not des Schimmels, der zum Viehhof geführt wird; die „Lerchen, Nachtigallen und Drosseln", die anjetzt, da sie staatenlos sind, in Italien wieder gejagt und verspeist werden dürfen, sind ihm nicht stumm geblieben. Als die Schüler des Rabbi Jochanan ben Sakkai den guten Weg kennzeichnen wollten, an dem der Mensch festhalten wollen soll, nannte der eine ,„ein wohlwollendes Auge", der andre „einen guten Genossen", der dritte „Erkenntnis des Entstehenden"; der letzte sagte „ein gutes Herz". Und der Lehrer urteilte: Dies Wort enthält alle andern mit. „So war das": hinter dem eckigen —ck schlug ein gutes Herz. B. B.St. 423