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Der Morgen · 1936-12-01 · Heft 9 (Dezember 1936) · p. 416

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 9 (Dezember 1936)
Article
Warum die Rur so große Bögen macht
Date
1936-12-01
Page
416 (sequence 4)
Language
German
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Ludwig Strauß: Warum die Rur so große Bögen macht andern vier auch, und die warfen natürlich wieder, und es gab eine große Prügelei. Jeder Weise schlug auf jeden andern mit Büchern und mit Fäusten, bis alle sieben Weisen zwischen ihren neunundvierzig Büchern am Boden lagen und sich nicht mehr rühren konnten. Als erster sprang Sausefahrt wieder auf und gleich rannte er zu den dreitausend Zwergen und rief: „Grabt schnell nach Dal", und die gruben schnell nach Da. Aber nun kam auch schon Lausebart an und schrie: „Nein, nach Dort grabt!" So gruben sie wieder nach Dort. Und gruben nach Da und nach Dort, je nachdem, ob sie gerade auf Sausefahrt oder auf Lausebart hörten. Und die andern fünf Weisen waren auch gekommen und sprachen und schrien alle durcheinander. So lief die Rur in vielen großen Bögen, aber Düren war noch weit, und die drei schönsten Blumen der Welt waren schon dreiviertelstot. Als nun der Zwergenkönig sah, wie seine dreitausend Zwerge sich abarbeiten mußten und wie die Rur mit den sieben Weisen noch langsamer vorwärts kam als ohne die sieben Weisen, da wurde er sehr böse und schickte die sieben nach Haus auf Nimmerwiedersehen. Und zur Rur sagte er: „Nun hilf dir selber! Noch ein Stündchen laß ich die dreitausend für dich graben und dann nicht mehr." Da erschrak die Rur sehr, aber dann fiel ihr auf einmal wieder ganz deutlich ein, was sie eigentlich wollte, und da wußte sie auch gleich den Weg und rief den Zwergen zu: „Grabt so und grabt so!" und in einer halben Stunde war sie schon aus den Bergen heraus. Rasch sagte sie noch den guten Zwergen und ihrem König einen schönen Dank und lief den kürzesten Weg nach Düren, und Bögen machte sie nur noch kleine, weils eben ganz ohne Bögen nicht ging. Als sie in den Garten am Schloß kam, waren alle andern Blumen schon verwelkt, nur die drei schönsten lebten noch, und eben wollten sie sterben. Da floß die Rur ganz dicht an ihnen vorüber und netzte ihre Wurzelfüßchen mit dem frischen Wasser. Wie das die Blumen spürten, da taten sie einen tiefen Atemzug und sagten: „Ach wie wohl uns wird!" Steigegrad stand wieder kerzengrade da, Leuchtehell war wieder weiß und blank, und Dufteweit roch wieder süß und frisch. Die Rur aber floß durch den ganzen Garten, und aus allen Wurzeln kamen neue Blumen. Und die drei schönsten Blumen der Welt spiegelten sich in den Wellen und sagten: „Wir haben gar nicht gewußt, wie schön wir sind. Nun wissen wir's." Und die Rur freute sich, daß so schöne Bilder in ihrem Spiegel waren. A.ls sie sich satt gefreut hatte, da floß sie still und zufrieden weiter durchs ebene Land und gab Wiesen und Feldern und Wäldern zu trinken, bis sie an einen viel breiteren Fluß kam. Der hieß die Maas und nahm sie zu sich auf. 416

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