Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- [Rezension] / Schl.
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 384 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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der unbefangene Leser diesen freilich der tanaitischen Zeit vertrauten Gedanken, den die heutige Existentialphilosophie wieder neu entdeckt hat und in ihrer Art verwertet, wirklich gerade in Kohelet zu finden vermag. Ebenso scheint mir die Zweiteilung des Werkes nicht weniger künstlich als all die anderen derartigen Systematisierungsversuche, die schon versucht wurden. Auf alle Fälle aber ist Carlebachs Schrift sehr anregend und von einer erfreulichen Lebendigkeit. Schi. Stanley Jackson, Rufaslsaacs, First Marqness of Reading. Cassel & Co., London 1936 Im Januar 1936 betrauerte das englische Weltreich Rufus Isaacs' Verlust. Wenige Monate später veröffentlichte Stanley Jackson diese aufschlußreiche Biographie. Auch uns ist der ungewöhnliche Werdegang des englischen Diplomaten bekannt. Wir wissen, daß dieser Sohn einer gutbürgerlichen Familie als Jüngling, aus Sehnsucht nach Abenteuern und der unbekannten Ferne, den Seinen davonlief und als Schiffsjunge nach Indien fuhr. Seine spätere kaufmännische Tätigkeit befriedigte ihn nicht. Er beschloß, Jurist zu werden; und als sein Vater ihm die Genehmigung versagte, dachte Isaacs sein Glück in der Neuen Welt zu versuchen. Als er sich in Liverpool einschiffen wollte, hielten die Bitten seiner Mutter ihn zurück. Sie stimmte den Gatten um und ermöglichte dadurch dem Sohn, Anwalt zu werden. Er begann ohne Universitätsstudium im Büro eines bekannten Londoner Advokaten seine juristische Laufbahn und wurde bald selbst ein hervorragender Verteidiger mit glänzender Privatpraxis. Aber guter Namen und großes Vermögen waren nicht das Endziel dieses Mannes. Sein Streben ging darüber hinaus. Er ging in die Politik über, wurde liberaler Abgeordneter der südenglischen Stadt Reading; es folgte die Ernennung zum Generalstaatsanwalt und nach verhältnismäßig kurzer Zeit zum obersten Richter. Während des Weltkrieges übernahm Isaacs eine Sondermission in Amerika, nach Friedensschluß wurde er Vizekönig von Indien, danach zum Minister des Äußeren berufen. Rufus Isaacs war kein mitreißender Redner, aber ein Meister im Kreuzverhör und der geborene Vermittler, von gleichmäßiger Höflichkeit gegen Mitglieder aller Klassen der englischen Gesellschaft. Die starke Wirkung seiner Persönlichkeit beruhte auf einer Einfühlungsgabe, die es ihm ermöglichte, in Amerika entscheidende Erfolge für seine Regierung zu erreichen. Er galt dort für „den größten Juden, der je gelebt hat". Die indischen Fürsten schätzten diesen Regenten, weil er in aufgewühlter Zeit die einheimische Bevölkerung beruhigte und den Wohlstand des Landes hob. „Fünf große Jahre liegen hinter mir", sagte er nach seiner Rückkehr in die Heimat, „ich bin glücklich, da mein Tun von Nutzen war". Das zu Anfang etwas weitschweifige, doch im ganzen lebendige Buch gibt die wichtigsten Punkte dieses weiträumigen Lebens anschaulich wieder, nicht ohne den Stolz des Marquess of Reading auf seine Abstammung hervorzuheben. Gertrud Lichtenberg. 384