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Der Morgen · 1936-11-01 · Heft 8 (November 1936) · p. 368

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 8 (November 1936)
Article
Bemerkungen über den Menschen
Date
1936-11-01
Page
368 (sequence 3)
Language
German
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Jean Paul Friedrich Richter: Bemerkungen über den Menschen Die Liebe vibriert noch ein wenig fort, wenn das Objekt seinen Wert verloren; die Freundschaft nicht Gerade der Freie sucht den Schein der Freiheit am wenigsten. Die Grausamkeit der Menschen nimmt mit der Größe der Länder zu; Ungerechtigkeit umgekehrt. Der Grad entscheidet: hänge deinen Kanarienvogel einen Schuh weit von dir, er gewöhnt sich an deine Bewegungen; aber komm um einen Zoll näher, — er flattert. Das Weib lebt von Gegenwart zu Gegenwart, folglich von Widerspruch zu Widerspruch. Je mehr Kinder, je mehr Wunden. Die Menschenfurcht setzt nie das Gewöhnliche voraus, sondern das Ungewöhnliche und Ungeheure. Die Bücher machen nicht gut oder schlecht, nur besser oder schlechter. Man erfreuet sich nicht an den äußern Zuständen der Vergangenheit, sondern an den innern, man wünscht nicht das alte Leben zurück, das meist seichter ist und das man jetzt gar nicht ertrüge, sondern die alte Seele. Wenn man ein Kind einen Menschen hassen lehrt, der ihm nichts getan: so lernt es die übrigen Menschen daran hassen. Gründe wirken nur gegen Gründe, aber nicht gegen Empfindungen, gegen die wieder nur Empfindungen wirken. Die ganze Judenschaft weiß von der ganzen Stadt, aber diese nichts von jener, sondern nur von sich. Man ist nie liebenswürdiger, als wenn man geliebt wird. Schnee, der sich leicht ballen läßt, schmilzt bald. Nichts ist schöner im Enthusiasmus zu lieben als Kinder; denn die Liebe verlangt von ihnen nicht einmal die Liebe, sondern ihr Glück. Wenn ihr verbietet, das zu tadeln, was man nicht besser machen kann, so darf man auch nicht loben, was man nicht nachmachen kann; denn das Lob setzt die Kraft zu tadeln voraus. Das erste, wonach ein Mensch bei irgendeinem Unfall sucht — sei er durch Tiere, Materien oder Menschen geschehen —, ist ein lebendes freies Wesen, dem er etwas davon schuldgeben kann, um sich dann zu rächen. Es ist weit mehr Heuchelei in der Welt, als man glaubt und als selber die Heuchler glauben; denn sie halten nicht andere für Heuchler. Jeder hat den Glauben, der andere beurteile ihn aus demselben Gesichtspunkt, mit denselben Kräften und Lagen wie er ihn, und keiner errät daher das Urteil des andern über sich. 368

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