Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 8 (November 1936)
- Article
- Eine Million zuviel
- Date
- 1936-11-01
- Page
- 343 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Million zuviel zionistischen Ideologie von der Judennot und ihrer Lösung durch außerjüdische Mächte realisiert werden sollte, haben dieZionisten selbst unter dem Druck der Tatsachen ein „Halt" aussprechen müssen. Hier findet die zionistische Ideologie ihre Begrenzung an den Wirklichkeiten: sie ist Teillösung, nicht Gesamtkonzeption. Indessen konnte die polnische Judenheit ihre ablehnende Stellung zu den Regierungsvorschlägen doch nur begründen, weil sie zugleich mit ihren ökonomischen und wanderungspolitischen Bedenken gegen eine jüdische Massenauswanderung ein inneres und ein formales Heimatrecht geltend machen konnte. Ohne Unterschied der Parteifärbungen wies man auf die durch „Blut und Schweiß" geschichtlich erworbene Gleichberechtigung hin. Zwar hat Polen eine volle Emanzipation im Sinne der westeuropäischen Verfassungen seinen Juden nie gewährt; als ein Staat mit starken nationalen (jüdischen, deutschen, slowakischen) Minderheiten hat es den Einzelnen stets nur kraft seiner Gruppenzugehörigkeit mit staatspolitischen Rechten ausgestattet. Die staatspolitischen Rechte des Minderheitsangehörigen sind aber materiell von denen der übrigen Staatsbürger nicht unterschieden, und hieraus folgt eindeutig der Grundsatz einer Gleichberechtigung, die (juristisch genau) die „sachgerechte Gleichbehandlung aller Staatsbürger durch den Staat" zum Inhalt hat. In diesem formalen Rechtsgrundsatz liegt das Rückgrat der jüdischen Stellung in der Welt. Ob die Verankerung ihres Rechtes der Gleichberechtigung in der Verfassung jene „überflüssige" Million polnischer Juden davor bewahren wird, das Land, das ihre Betstätten, die Häuser ihrer Jugend und die Gräber ihrer Eltern birgt, verlassen zu müssen, steht noch dahin. Recht wird oft brüchig vor der Gewalt der Geschichte. Doch auch wenn es zerbricht, bleibt es Recht, in dessen Schutz der Schwache kämpfen darf gegen die andrängende Macht der Tatsachen, der einzigen Macht, vor der die ehrfurchtlose Gegenwart sich beugt und in der allein sie ihr Gesetz verbürgt glaubt. K. J. R. 343