Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Die gefährlichen Engel [Rezension]
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 332 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die gefährlichen Engel Das seltsame und reizvolle Gebilde eines Dichters, der vor der gefüllten Truhe steht und funkelnde Proben herauszieht. Er wirft sie mit leichter Hand vor uns hin, so daß wir gern kosten, von einer zur andern uns wenden. Eine Sammlung von dreißig ganz kurzen Geschichten, Skizzen oder auch nur Anläufen dazu. Wir sehen ein beträchtliches Vermögen, wir ahnen die Möglichkeiten einer Kunst und finden für die Frage nach mehr keine Antwort. Hier scheint sich ein merkwürdiger Einblick nicht nur in die Schaffenswelt eines Schriftstellers, sondern auch in die eines jüdischen Schicksalsgefährten zu bieten. Alfred Wolfenstein hat (bei Julius Kittls Nachfolger, Mährisch-Ostrau) dieses zierlich bizarre Geflecht, das er „Die gefährlichen Engel" nennt, herausgegeben. Ehedem umfaßte die Betätigung des Dichters feine Lyrik, stilbewußte Dramatik. Was mag nun, da er im alten Prag seinen aufrechten Weg geht, sein Bekenntnis sein? Zum Sänger jüdischen Schicksals sich zu erheben, ruft es ihn noch nicht, die neue Umwelt nimmt ihn auf, aber er besitzt sie noch nicht. So wird er in das Wallen seiner einsamen Phantasie gedrängt, so gibt er sich nach harter Tagesarbeit an bunte Träume, umringt von Kostbarkeiten, die er achtlos hinstreut. Er staunt selbst vielleicht über das leuchtende Gewimmel. Es tröstet ihn, daß auch die Leser staunen werden. Leser? Richtige, dankbare, geruhsame Leser wie in unserer Väter Zeit? Wir möchten lesen, durchdringen, genießen. Wir nehmen immer wieder den Anlauf, aber es entzieht sich uns, es ist da und doch wieder nicht, ein Buch und kein Buch. Schließlich aber: in der Rückschau ist es doch ein Buch. Als Dokument eines spielenden Geistes, eines Künstlers, der Kleinigkeiten hinstreut im Dienste seiner Idee. Er zeigt der Zustimmung und dem Widerspruch eine neue Wesensseite der Dinge. Wolfensteins Geschichten leben meist in den Extremen des literarischen Amerikanismus. Kriminelle und groteske Spannungen wollen sich entladen, die Idee formt Gestalten, nicht diese die Idee; das Glück des Einfalls wird selbst zum gefährlichen Engel, denn es läßt den Künstler in Willkür abgleiten, es mutet der Forderung nach Wahrscheinlichkeit spitze Konstruktionen zu. Ein Fabulierer kann die Kontrolle ablehnen — unterdrücken wird er sie nicht. Dennoch, nach manchem Kopfschütteln kommt doch wieder heiteres Erstaunen. Man irrt von Anlauf zu Anlauf, und dreißig Anläufe sind ein bißchen viel. Man möchte schon nach dem zwanzigsten fragen: warum rastest du nicht, Dichter, dort, wohin dein Kunstverstand verlangt? Bei einer großen, vollendeten Novelle von Arthur Schnitzlers Gepräge? Aber er ist schon wieder fort, er hört den Leser nicht mehr, er erwartet ihn mit einer neuen Überraschung. Henkersmahlzeit, Feuersbrunst, Fassadenklettern, Reporterwahn, Filmtrick, Überschwemmung — all das ist wohl Leben, lebendig gefühlt, aber im Hinströmen stockt es, man glaubt ein Feuerwerk zu sehen. Aber im Grunde ist es mehr. 332