Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Ein Jude radelt um die Welt
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 326 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895560-2906507--09235-2906575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ein Jade radelt um die Welt Das Radfahren ist ein Sport und darüber hinaus eine nützliche Sache. Wie jeder Sport hat auch das Radfahren seine begeisterten Anhänger und es sind gewiß auch Juden darunter. Zwar ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, was Juden und Radfahrer miteinander zu tun haben. Um nun diesen Zusammenhang ad oculos zu demonstrieren, ist ein gewisser Herr J. T. Tass von Schanghai aus mit seinem Fahrrad ausgezogen, um sich den Titel zu erradeln, der erste Jude gewesen zu sein, der per Fahrrad den Erdball umrundet hat. Unsere so viel geplagte Erde trägt und erträgt gar vieles, und sie wird es vielleicht auch dulden, sich durch Herrn Tass wieder einmal beweisen zu lassen, daß sie rund sei. Das wäre freilich nichts Neues. Jeder Klippschüler hat es mit der Muttermilch eingesogen, daß unsere Erde eine Kugel ist, die auf Vaters Schreibtisch steht. Aber Herr Tass will auch viel mehr. Er will, wie er erklärt hat, Sitten und Gebräuche und vor allem auch die wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen der Länder kennen lernen, durch die er sich im Laufe der Zeit tretenderweise bewegt. Wie lange dieses Studium dauern wird, und wo sich Herr Tass gegenwärtig befindet, wer weiß es außer ihm? Herr Tass fährt. Er fährt mit seinen 37 Jahren gegen eine Zahl: gegen die Kilometer des Erdenrunds. Er, der einmal aus Polen ausgewandert ist, um in Schanghai bessere Tage zu erleben, sieht jetzt die Welt mit jedem Tage kleiner werden: noch ein Land und noch ein Land und so endlos fort bis nach Schanghai. So kann Herr Tass einmal ein Jude mit Seltenheitswert werden. Er wird einmal von sich sagen können: ich kenne Ecuador, ich kenne Madagaskar, ich kenne Chile, Cuba und Australien. Ich kenne alle Länder, über die die Juden heute reden. Und so kann Herr Tass einst ein begehrtes Auskunftsobjekt für Komitees und Sachverständiger für alle Wanderungsfragen sein. Denn er ist, wenn er seine Rolle richtig versteht, auf dem Wege, der wandelnde, der radelnde Brockhaus zu werden, so daß man den gedruckten später nicht mehr nachzuschlagen braucht, um vielleicht auf irgend einer Seite den Namen eines Landes zu entdecken, das noch Juden aufnehmen kann. Wenn dann Herr Tass erst wieder einmal in Schanghai angekommen sein wird, wird sich auch die Frage entscheiden, wer nun mit seinen Erkenntnissen früher zur Stelle ist: diejenigen, die den Siedlungsmöglichkeiten für Juden im Flugzeug nachjagen, oder Herr Tass, der sachte und ohne Eile mit seinem Fahrrad daherradelt. Es wird sich erweisen, wer gewinnt. Denn hier geht es um die moderne jüdische Neuauflage einer berühmten Mathematikaufgabe des Altertums: um die moderne Form des Wettlaufes zwischen Achill und der Schildkröte. Findige Mathematiker können schon jetzt ausrechnen, wie das Rennen verlaufen wird. In jedem Falle wird uns klar: der Jude, der mit seinem Fahrrad durch die Welt zieht, ist ein radelndes Symbol. Arno Herzberg 326