Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1936)
- Article
- Über Grundsätze einer Jüdischen Politik
- Date
- 1936-10-01
- Page
- 300 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Joachim Prinz: über Grundsätze einer Jüdischen Politik sein. Unter sehr merkwürdigen und sehr schwierigen Umständen hat sich die jüdische Politik gebildet, und die Idee der Nation und ihrer Bedürfnisse geformt. Indem wir die Abnormität derGalut erkennen, erkennen wir auch das sehr abnorme Gebilde einer jüdischen Politik. Wir sind noch nicht einmal in der Situation, in der etwa der Kreis der Tschechen um Masaryk und Benesch war, bevor die tschechoslowakische Republik gegründet wurde. Auch sie waren damals Politiker mit einem nationalen Auftrag für ein Volk, das sich als solches noch nicht endgültig konstituiert hatte. Aber welcher Unterschied und wieviel stabiler war das alles! Es gab eine konsolidierte Wirklichkeit, es gab eine seit Jahrhunderten lebendige Sprache, es gab ein Territorium das von Tschechen bewohnt war! Wir stehen viel ausschließlicher unter Fiktionen. Wir leben unter dem Als-ob des Volkes und in mancher Beziehung auch unter dem Als-ob des Landes. Die jüdische Politik hat in den Elementen ihres Daseins etwas von den großen Utopien, die sich erst im Laufe einer langen Zeit verwirklichen. Die Zionistische Bewegung, die vierzig Jahre besteht, hat nicht immer deutlich gesehen, daß ihr Urelement nicht in mystischen Erörterungen, sondern in der Konstituierung der jüdischen Politik liegt. Sie hat deshalb auf diesem Gebiete vieles nachzuholen, ohne sich von denen irre machen zu lassen, die Politik und Technik gleichsetzen. Es ist nicht unnötig zu sagen, daß die Auffassung des Zionismus als der Politik des jüdischen Volkes für uns nicht eine „leere Form" ist. Diese politische Aufgabe schafft die Voraussetzungen für sehr sublime kulturelle Aufgaben, von denen nur die Sprache genannt sei. Eine wichtige Forderung ist die der politischen Erziehung. Sie kann nur innerhalb eines Systems der jüdischen Politik erfüllt werden. Denn woran und wozu sollte man erziehen, wenn man aus diesem System nicht Norm und Maßstab nimmt. Unser politisches Leben spielt in vielen Räumen, die uns noch verschlossene Welten sind. Noch haben Juden in der Welt viele pseudopolitische Haltungen. Noch können sie oft schwer unterscheiden zwischen dem politisch wirksamen und den politisch unwirklichen und unwirksamen Weisungen und Aktionen. Es geht uns schlecht, weil wir so geringe Vorstellungen von einer nationalen Politik haben, und weil diejenigen, die mitten in den politischen Auseinandersetzungen dieser Tage stehen, in den schwierigen Kämpfen zwischen London und Jerusalem, einsam sind. Wir sind glücklich, daß das Erbe Herzls in den Gestalten Weizmann, Arlosoroff, Schertok, Ben Gurion und anderen bewahrt wird. Wir glauben, daß die schwierige Zeit, die vor uns liegt, eine Zeit, in der die allzu leicht empfangene Frucht einer vierzigjährigen politischen Arbeit uns nicht mehr so einfach in den Schoß fallen wird, wie das kurze Zeit der Fall war, daß diese Zeit dazu angetan ist, den Zionismus darzustellen als die politische Lehrstätte des jüdischen Volkes. 300