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Der Morgen · 1936-09-01 · Heft 6 (September 1936) · p. 284

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 6 (September 1936)
Article
Essais und Predigten [Rezension]
Date
1936-09-01
Page
284 (sequence 1)
Language
German
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Essais und Predigten Das jüdische Bewußtsein hat in den letzten fünfzig Jahren eine große Wandlung erlebt. Die Krise, welche die gesamte abendländische Kultur ergriff, Wirtschaft und Handel in den Grundfesten erschütterte und die im 19. Jahrhundert so gewaltige Wissenschaft neu vor alle Fragen stellte, machte auch vor dem jüdischen Bewußtsein nicht halt. Dieser inneren Wandlung entsprach eine äußere, durch die Lage der Juden in Ost- und Mitteleuropa bedingt. Wiederbelebung und Wiedergeburt sind die Zeichen dieser Zeit, und so sagt der Titel von Abraham Schlesingers Buch „Im Zeichen der Wiedergeburt. Jüdische Essays" (Verlag Kedem, Berlin 1935) schon, was es umschließt. Das in Formeln und geistloser Selbstaufgabe erstarrte Judentum erlebt eine Wiedergeburt, eine wahre Renaissance aller seiner Werte. Der große Lehrer Achad Haam, dessen Gestalt warnend und weisend vor allen jüdischen Denkern unserer Tage steht, hat Schlesinger überall angeregt und bestimmt. Der Begriff der Wiederbelebung— nicht im begrenzt politischen Sinne — steht ihm als Ziel vor Augen. Aber ohne ein politisches Neuschaffen wird kein neues Judentum; nur im Wechselspiel aller Kräfte kann sich Neues gebären, nur im weiten Umspannen aller Möglichkeiten Großes werden. Das Judentum umfaßt „grundsätzlich alle Gebiete einer materiellen und ideellen nationalen Gesamtkultur." Zu diesen Gebieten gehört der materielle Aufbau des Landes, die reale chaluzische Tat, und zu ihnen gehört für Schlesinger auch der lebendige religiöse Geist, die Idee der „Brith", die das Judentum umschließt und ihm seinen Wesensgehalt gibt. Um diese Fragen kreisen alle — aus den Jahren 1923 bis 1924 stammenden — Aufsätze, die hier gesammelt sind. Es sind Essais voll des Glaubens an die Möglichkeiten jüdischen Geistes und jüdischer Tat. Ein echt religiöses, ein wahrhaft jüdisches Buch liegt vor uns: wahrhaft jüdisch in dem Umfassen aller Lebensformen und -gebiete und in der kritischen, aber doch einer Richtung verschreibenden Stellungnahme zu allen ,Lösungen' der Judenfrage. Nur mit innerem und äußerem Abstand können wir über die „Predigten an das Judentum von heute" schreiben, die vor einem Jahr erschienen sind.*) Viele bekannte Namen finden sich in dem Buche, manche ebenso bekannte fehlen auch. Die Predigten haben, als Reden, eines gemeinsam: die Sorge um das Judentum der Zeit und die Sorge um die einzelnen Juden. Die Wege, die von den einzelnen Rabbinern begangen werden, sind verschieden, ihr Grundziel ist auch hier die Wiederbelebung des Judentums, Hilfe und Aufbau. Gedruckte Reden sind oft schwer lesbar, da das Fluidum der persönlichen Anrede fehlt; eine nicht in einem Geiste und in einem Aufbau gehaltene Reihe von Predigten wirkt im Lesen schal. Als Zeichen der Zeit, als Dokument mögen sie uns dienen, nicht aber als mehr! _ F. Ar. *) Predigten an das Judentum von heute. Joachim Goldstein Verlag, Berlin 1935 (Bücher der Erneuerung, herausgegeb. v. Willy Leven, Bd. 1). 284

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