Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 5 (August 1936)
- Article
- Jüdische Wissenschaft in Holland
- Date
- 1936-08-01
- Page
- 238 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Literatur, die durch die bibliographischen Arbeiten von Moritz Steinschneider eingeleitet und später von jüdischen und nichtjüdischen Gelehrten fortgesetzt wurden. In jüngster Zeit kommt den Arbeiten des jiddischen wissenschaftlichen Instituts in Wilna besondere Bedeutung zu. Es fehlt aber bisher an einer systematischen Zusammenfassung des ganzen Gebietes und an der textkritischen und sprachlichen Bearbeitung der wichtigsten Werke aus der älteren jüdisch-deutschen Literatur. Die Heimat dieser Literatur ist der Süden und Westen Deutschlands. Mit den Wanderungen der Juden werden seit dem 15. Jahrhundert auch Oberitalien, Polen, Prag und Amsterdam für die weitere Entwicklung von Bedeutung. In ihr Stoffgebiet gehören zunächst die Toraerklärungen und die jüdisch-deutschen Übersetzungen und Bearbeitungen der Bibel. Daneben entwickelte sich eine jüdisch-deutsche Literatur religiös-ethischen Inhalts, die sich an die Frauenwelt und an die des Hebräischen nicht kundigen Männer wandte: z.B. der „Zuchtspiegel" von Rabbi Seligmann Ullmo aus Hanau, eine in Reimen geschriebene talmudische Sprichwörtersammlung mit jüdischdeutscher Paraphrase. Das verbreitetste dieser Art von Büchern war das „Zeenna Urenna" (Gehet hinaus und sehet) des Jakob ben Isak Aschkenasi, das seit 1648 innerhalb eines Jahrhunderts sechsundzwanzig Mal aufgelegt werden mußte. Eine dritte Gruppe umfaßt die Werke geschichtlichen Inhalts. Das bekannteste Werk aus der allgemeinen Unterhaltungsliteratur war das Ma'assebuch. Eine große Rolle spielte das jüdisch-deutsche Volkslied und Volksdrama. Eine eigenartige Erscheinung bilden die von den Juden übernommenen deutschen Heldensagen und Ritterromane einer nichtjüdischen Literatur, bei der nur das äußere Gewand jüdisch ist. Stoffe wie die Geschichten von Dietrich von Bern und Herzog Ernst von Schwaben sowie die Artussage und viele andere fanden Eingang in die jüdisch-deutsche Literatur. Die Sprache dieser älteren jüdisch-deutschen Literatur ist deutsch und gehört zum größten Teil der rheinisch - fränkischen oder der schwäbisch - alemannischen Mundart an. Die deutschen Juden des Mittelalters haben keine andere Umgangssprache gesprochen als die ihrer christlichen Landsleute, und diese ebenso korrekt wie die Nichtjuden. Die wertvollste dichterische Schöpfung dieser Literatur ist das Samuelbuch, das im 14. Jahrhundert im oberdeutschen Sprachgebiet entstanden ist. Auf die Fabel der Bibel sich stützend, mit der anekdotischen Erzählungskunst des Midrasch und den Auslegungen der Bibelerklärer ebenso vertraut wie mit den dichterischen Mitteln der deutschen epischen Literatur, ist es dem bis heute unbekannt gebliebenen Verfasser gelungen, ein Werk zu schaffen, das maßgebend wurde für eine ganze jüdisch-deutsche literarische Schule. Nach einer eingehenden Analyse des jüdisch-deutschen Samuelbuches beschloß der Vortragende, der eine textkritische Ausgabe des Werkes auf Grund sämtlicher vorhandenen Handschriften und Drucke vorbereitet, seine Ausführungen mit einer Vorlesung typischer Teile daraus. Rudolf Levy, Den Haag. 238