Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Kleines für Großes
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 190 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Der gute Sinn, die innere Richtigkeit dieser Geste müßte auch den Ausdruck, den sie sich wählt, sichtbar durchdringen. Die Jüdische Gemeinde ist alt, durch lange Tradition geheiligt; sie hat es nicht nötig, sich jung zu schminken und ihre Verbundenheit mit der Jugend zu betonen — auf die Verbindung der Jugend mit ihr kommt es an! Die Gemeinde ehrt sich, wenn sie sich nicht bloß suchen läßt. Die Jugend zu ehren, besteht kein Anlaß: sie will geleitet werden. Und dieses Zuweitgehen auf einem rechten Weg drückt sich auch in der äußeren Form aus. Man wirKt nicht ,gut jüdisch' durch das schlechte Deutsch der Mahnung, „Treue zu halten dem Glauben der Väter". Etwas Takt — von dem „Glauben der Väter" zu schweigen — hätte den Künstler, der die Worte in Holz schnitt, daran hindern sollen, eine wohlgemeinte Initiale mitten in das Magen David zu setzen; das ist nämlich, für eine jüdische Gemeinde, mehr als ein bloß dekoratives Ornament. Und gab es nichts Geeigneteres als eine gotische Schrift? Ganz abgesehen davon, daß an Büchern bei einer solchen Gelegenheit nur ein einziges sinnvoll ist: eine hebräiscne Bibel, wenn man will mit deutscher Übersetzung. Das bloß Gute — selbst wenn es das ist — ist hier nicht gut genug. Symbolische Gesten sind seit alters der Ausdruck des Judentums. Man sollte auch auf ihr Äußeres achten — gerade da, wo Kleines für Großes steht. H. B. Aus Agnons dichterischem Schaffen Als Band 5 und 6 der Gesamtausgabe der erzählenden Schriften Agnons bringt der Schocken-Verlag zwei ansprechend ausgestattete Bändchen heraus: „Sippur paschut", d. h. „Eine schlichte Erzählung" (nicht wie es im Verlagsprospekt heißt, „Eine einfache Erzählung") und „Beschuwa wanachat", d. h. „In Gelassenheit und Ruhe" (nicht „In Freude und Behagen"). Dank der Mannigfaltigkeit ihres Inhalts vermitteln die beiden Bände einen guten Einblick in die Eigene art dieses Schriftstellers, der heute mit in der vordersten Reihe der hebräischen Erzähler steht. Und trotz dieser Mannigfaltigkeit zeigen sie eine auffallende Tatsache: wie sehr dieser seit Jahren in Palästina ansässige Schriftsteller in der Tradition, ja speziell in der seines angestammten galizischen Kreises wurzelt. Selbst die eine Erzählung („Unter dem Baum"), die so anfängt, daß man etwas aus dem Gegenwartsleben des Heiligen Landes erwartet, wird ins Zeitlose gewendet. Darin spiegelt sich der Übergangscharakter des gegenwärtigen palästinensischen Lebens, das noch zu keinem festen, den Erzähler herausfordernden Habitus geworden ist. Etwas Zeitloses, ausschließlich in der religiösen jüdischen Romantik und Metaphysik Wurzelndes ist für Agnon überhaupt charakteristisch und macht recht eigentlich seine Stärke aus. Diese Elemente geben allen seinen Erzählungen, die im Band 6 der Gesamtausgabe vorliegen, ihren Stoff und ihre traute Stimmung, ihre Wärme, möchte man 190