Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Presseschau: Religion und Kunst
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 183 (sequence 1)
- Language
- German
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Presseschau: Religion und Kunst Die Erörterung des Grundverhältnisses von Religion und Kunst, die Fritz Kaufmann auf der Jahresversammlung der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums vornahm, lenkt die Aufmerksamkeit auf zwei gewichtige Äußerungen zum gleichen Thema in der katholischen Glaubenswelt. In einem Aufsatz „Vom Wesen christlicher Kunst" (Hochland, 33. Jahrg., Nr. 9) prüft der Religionsphilosoph Theodor Ha eck er diese Frage. Die Schönheit — so lehrt er — ist transzendental.AlleTranszendentalien sind für den menschlichen Geist nur Aspekte — freilich notwendig getrennte — des „Einen", die einander um so eher berühren müssen, je reiner sie jeweils sind. So berührt auch die Kunst jeweils, und gerade je reiner sie ist und vollkommener in der Offenbarung der Schönheit, um so sicherer und unvermeidlicher auch „das Wahre" und „das Gute" des Seins. Indes niemals primär und unmittelbar, denn zur Offenbarung des Wahren gehört die Metaphysik, zur Offenbarung des Guten die Ethik und das praktische Tun. Die Kunst kann beider entraten. Echte „Poesie" kann einer schaffen, der weder weise noch gut ist, wenigstens als Episode. Auf die Dauer freilich ist es nicht denkbar, weder daß einer in dem Reiche des Schönen zuhause ist, ohne immer mehr die Einheit mit dem Reiche des Wahren und Guten zu ahnen, wenn nicht zu erkennen, noch daß einer seine Gabe der Kunst nicht verliert, wenn er immer mehr in Lüge und Gemeinheit sinkt. Aber daß es wenigstens als Episode möglich ist, zeigt, wie echt die Unterscheidung ist zwischen dem Künstler, dem Philosophen und dem „guten Menschen" — christlich gesprochen, um eine Ordnung höher: dem Heiligen. Andererseits wird die Einheit dieser drei transzendentalen Aspekte des Einen Seins auch wieder bewiesen durch die Denkbarkeit, daß zwei oder alle drei vereinigt sind in einem einzigen Menschen. In einer Abhandlung „Grundstile der Kunst" (Stimmen der Zeit, Nr. 5) tritt Engelbert Kirschbaum S. J. für eine über das Gegenständliche hinausgreifende Kunstbetrachtung ein. Die Kunstgeschichte, sagt er, kann sich nicht damit begnügen, nur Tatsachen festzustellen und aneinanderzureihen. Sie muß darüber hinaus die lebendigen Zusammenhänge aufdecken, der innern Gesetzmäßigkeit der Erscheinungen nachgehen und so zur Struktur geschichtlichen Geschehens überhaupt vorzustoßen suchen, um sich von diesem Quellgrund her auch selber zu begreifen. Das tastende Suchen nach diesen großen Zusammenhängen hat manch geistvolle Deutung und Konstruktion ins Leben gerufen, die sich mit der Zeit mehr als wertvolle geistige Anregung denn als endgültige Erkenntnis erwies. Mag sein, daß man zuweilen einseitig vom kunsthistorischen Material aus eine Deutung versuchte, während doch von beiden Seiten der Wirklichkeit, von der allgemeingültigen Gesetzmäßigkeit und von der Einzelerscheinung oder letzlich vom Metaphysischen und vom Empirischen her, eine Grundlegung erarbeitet werden müßte. 183