Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1936)
- Article
- Julius Brodnitz [Nachricht]
- Date
- 1936-07-01
- Page
- 145 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DER MORGEN / Monatsschrift der juden in Deutschland BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN, DARMSTADT 12. JAHRGANG JULI 1938 HEFT 4 Julias Brodnitz Wieder bat der „Morgen" einen Freund verloren: Justizrat Dr. Julius Brodnits ist heimgegangen. In vielen geschriebenen und gesprochenen Worten ist gesagt worden, wer Julius Brodnit} war. Über Meinungsverschiedenheiten und Richtungsunterschiede hinweg schloss sich der Kreis der Juden in Deutschland in Trauer zusammen. Alle fühlten, dass ihnen eine Persönlichkeit von untadeliger Lauterkeit der Gesinnung und entschlossenem Willen zu jüdischem Tun genommen war. Ruhig und sicher wandelnd in den Bahnen der Geseke, die sein Wesen und seine Idee in widerspruchsloser Einheit ihm vorschrieben, wuchs er doch über den Eigenbezirk hinaus und wurde dem Ganzen zum Führer. In unzähligen kleinen Fragen des Tages wird sein kluger Rat, in den grossen Entscheidungen wird sein klares Urteil fehlen. Der „Morgen" aber beklagt nicht nur den unersetzlichen Mann der jüdischen Öffentlichkeit. Ihm war er mehr als irgend einer von denen, die im Umkreise der grossen Geschicke auch das Einzelwerk planen und bestimmen. Der „Morgen" hat einen nahen Freund an ihm verloren. Sein tragender Gedanke, die Tagesereignisse aus Enge und Rechthaberei in die fruchtbare Distanz der Betrachtung zu entrücken und ihre so erarbeitete tiefere Deutung mittelbar wieder in den Tag hineinwirken zu lassen, entsprach vollkommen Julius Brodnit}' politischem Wirken. Auch er stand, wie der „Morgen" es erstrebt, eingereiht in die Kette der jüdischen Gesamtverantwortung und doch frei erhoben über die kleinliche Beschränkung der Tagespolitik. Darum liebte er unsere Zeitschrift. Noch seine letzten Arbeitsstunden gehörten ihrer Anregung und Förderung. Der Träger dieser tiefen, liebenden Freundschaft ist dahin. Wir, die wir sie von dem Lebenden empfangen durften, werden sie dem Toten bewahren: in Dankbarkeit und in der Treue, die der Kern seines Menschentums war. Die Schriftleitung. 145