Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Stücke Welt - gesehen [Rezension]
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 144 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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man indiese sanfte Gewalt des Sehens so verstrickt ist, daß man sich selbst auch nur als kleinen Tropfen Welt in diesem scharfäugigen Mikroskop sieht, das in der Beobachtung gleich die Diagnose mitgibt. Er ist der Geist mathematischer Formeln: sie scheinen nur zu bedeuten, was sie sagen, doch deuten sie da, wo sie nichts mehr sagen, über sich hinaus. Jeder Blick dieser Art ist eine Eroberung des Geistes, selten wie jede Eroberung. Von der Gesamtheit solcher Blicke lebt ein Zeitalter. Es gibt seit langem keine „Künder" mehr; auch die „Seher", die Welt und Zukunft ausdeuteten, sind vergangen; im Kleinen das Große, im Stück das Ganze zu sehen ist alles, was uns noch vergönnt ist. Das wird hier für den Bereich einer Kultur geleistet. Es ist nicht zu bestreiten, daß diese kleinen Stücke auch als Feuilletons am Frühstückstisch ohne Unzuträglichkeiten zu genießen sind. Auch dann haben sie noch die erfrischende Wirkung eines Sandstrahlgebläses auf Stuckfassaden: es ist leere Luft, nur etwas komprimiert, trotzdem nimmt sie sacht die ausgehöhlten Verzierungen weg; ganz geräuschlos. Das Buch heißt „Nachlaß zu Lebzeiten" und ist im Humanitäts-Verlag in Zürich erschienen. Man kann es kaufen. H. B. Aus dem judischen Bildungswesen Im März 1936 (Adar 5696) versandte die Hebräische Universität Jerusalem ein neues Mitteilungsblatt, das über den weiteren Ausbau dieses nun immer wichtiger werdenden Instituts berichtet. Im letzten Jahre ist die Universität straffer organisiert worden, ein Rektor, Prof. Dr. Hugo Bergmann, steht an der Spitze, die mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät wurde mit vielen Instituten eröffnet, und in der geisteswissenschaftlichen Fakultät haben neue Dozenten, unter ihnen der Breslauer Historiker Prof. Koebner, ihre Tätigkeit aufgenommen. Die Verbindung der wissenschaftlichen Tätigkeit mit dem Leben des Landes wird durch Vorträge in den Siedlungen und Städten gewahrt. Aus dem Bericht spürt man, wie die Universität Jerusalem langsam den ihr als der ersten hebräischen Universität derWelt gebührenden Platz einnimmt. Durch ihre Mitarbeiter ist die „Mittelstelle fürErwachsenenbildung" mit der Universität Jerusalem verbunden, und ihr Rundbrief ist für die in Deutschland lebenden Juden von besonderer Wichtigkeit. Material zu Kursen über jüdische Geschichte insgesamt und zu einzelnen Themen wird kritisch aufgeführt (Ernst Simon und Erich Rosenblüth), Martin Buber gibt einen „Hinweis für Bibelkürse", und andere Aufsätze geben Einzelheiten aus der Arbeit der Mittelstelk wieder. Trocken werden Bücher und Namen genannt, aber diese Trockenheit zeigt den tiefen lebendigen Ernst, mit dem die Arbeit vorgenommen wird: die ruhig und stetig arbeitende Mittelstelle und die Universität Jerusalem sind für uns Träger und Garanten der Zukunft jüdischer Kultur. F. Ar. 144