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Der Morgen · 1936-06-01 · Heft 3 (Juni 1936) · p. 143

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 3 (Juni 1936)
Article
Isaak Heinemann - 60 Jahre
Date
1936-06-01
Page
143 (sequence 2)
Language
German
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chen anderen. Dabei ist seine wissenschaftliche Arbeit immer von dem Bemühen geleitet gewesen, dem einheitlichen Weg des jüdischen Geistes nachzugehen und dessen Auseinandersetzung mit fremden Bildungswelten zu begreifen. In diese Absicht reihen sich auch die zahlreichen neueren Arbeiten ein, die Heinemann zur Geschichte Stucke Welt Der alternde Beethoven, von der Welt durch seine Taubheit schon fast abgeschlossen, schrieb eine Folge ganz kleiner Klavierstücke, die er „Bagatellen" nannte. Sein Verleger wollte sie erst nicht nehmen: so etwas sei des Meisters doch nicht würdig. Da wurde der Alte böse: es seien alles eher als Kleinigkeiten, und seien auch nicht für die Gegenwart, sondern für die Zukunft bestimmt (womit er übrigens recht behalten hat). Aus „Bagatellen" ähnlicher Art ist ein nicht sehr dickes Buch zusammengesetzt, betitelt „Nachlaß zu Lebzeiten". Robert Musil sammelt darin kleine Arbeiten, meist aus dem vergangenen Jahrzehnt. „Schon lebt der Dichter nach eigenem Maß beinahe allerorten in einer tiefen Abgeschiedenheit vom Leben. . . Auf die Benennung dieses Büchleins und seine Entstehung ist das nicht ohne Einfluß geblieben", schreibt er im Vorwort. Und dann deutet er doch wieder etwas von einer „Hauptarbeit" an, — was das Bestürzende an einem „Nachlaß" wieder ins Gleiche bringt. Lauter kleine Geschichten, Skizzen, Aufzeichnungen; also das, was Heine der jüdischen Philosophie des Mittelalters und ihrer Auswirkung veröffentlicht hat. Eine umfassende Planung liegt der wissenschaftlichen Arbeit Professor Heinemanns zugrunde. Wir wünschen ihm, daß er sie zu der Vollständigkeit weiterführen kann, die als Idee in jeder einzelnen Arbeit sichtbar ist. B—r. — gesehen „Zustände" genannt hat: ein Blick mit dem Fernrohr aus dem Fenster, Erinnerungen an „Pension Nimmermehr" oder an eine Schweigeminute des Kriegs, Betrachtungen über Kitsch und Künst, über Türen, Hunde und Dienstmädchen, Ansichtspostkarten, Denkmäler, Beobachtungen über das Sterben von Fliegen auf Leimpapier, über ein lachendes Pferd, über Autobusse und Fischer an der Ostsee; zuletzt ein größeres Stück, das irgendwo in Musils „Mann ohne Eigenschaften" stehen könnte. Schwer zu beschreiben, wie das alles gemacht ist; es ist nicht gemacht, nur — „nur" — gesehen. Genau, naturwissenschaftlich exakt beobachtet und mit der gleichen Genauigkeit berichtet, ohne jeden merklichen „Stil"; mit ruhiger, fast kühler, nie pathetischer Stimme. Also nicht im mindesten „gedichtet", wenn man so nennen will, daß einer Winzigkeit an Beobachtung ein starker Schuß Phantasie wegschwemmend zu Hilfe kommt. Wie alles Gesehene wirkt es zuerst nur im Stoff, aber hell und gescheit. Dann kommt eine winzige Drehung ins Weite, ins Unheimliche; immer reißt eine solch kleine Geschichte plötzlich einen Abgrund auf. Bis 143

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