Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1936)
- Article
- Der schwerere Mut
- Date
- 1936-06-01
- Page
- 97 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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DER MORGEN / Monatsschrift der iuden in Deutschland BEGRÜNDET VON PROFESSOR DR. JULIUS GOLDSTEIN, DARMSTADT 12. JAHRGANG JUNI 1936 HEFT 3 Der schwerere Mut Noch hat es nicht den Anschein, als ob die entnervenden täglichen Nachrichten aus Palästina bald aus den Zeitungen verschwänden; noch ist nicht abzusehen, wozu dieser Zustand fuhren, welche Funken dieser schwelende Herd noch versprühen wird. Vergeblich war die Erwartung, die Araber könnten nur für Augenblicke einmal sich aufraffen: die sechste Woche schon dauert ein stiller, zäher Streik, und er bildet nur den Hintergrund für das schleichende Werk des Terrors. Bäume gefällt, Felder in Brand, Häuser zerstört, Telefonstränge gekappt, Brücken gesprengt und Kugeln aus dem Dunkel schwirrend — das ist die zermürbende Litanei des Hasses gegen Siedlungen, die sich rüsteten, jubelnd das Fest der Erstlinge zu begehen. Nun müssen sonnenmüde Augen in die Nacht hinausspähen, ob nicht irgendwo der Funke glimmt; erschreckte Schläfer fahren nach der Waffe, wenn vor der Türe der Hund anschlägt. Wieder nichts. Nur die englische Wache ging vorbei. Haben wir das nicht alles schon einmal gelesen? Damals war es das Hohelied des weißen Mannes, der gegen „schuftige Rothäute" den jungfräulichen Boden, die Unendlichkeit der Wildnis für die Kultur erobert, oder es war von den „edlen Rothäuten" die Rede, die gegen den Trug gleißenden Goldes todesverachtend das Recht ihres Bodens wahrten. Die Sympathie wechselte; es kam nur auf die Beleuchtung an. Auch die Eroberer wechselten; auch sie bekämpften sich. Aber immer war es ein Kampf Volk gegen Volk, Mann gegen Mann, und jeder hatte sein gutes Gewehr in der Hand. 97