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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 92

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
[Ohne Titel] / Riegner, Kurt Julius
Date
1936-05-01
Page
92 (sequence 2)
Language
German
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Bücher so weit ins Grundsätzliche hinauszureichen, daß man wohl zu ihr Stellung nehmen darf, ohne in den Verdacht zu kommen, nichts als die Sache zweier Autoren und ihrer Schriften zu führen. Die Verpflichtung des Schriftstellers, der heute zur Feder greift, um Religion und Ritus des Judentums darzustellen, erfüllt sich für bin Gorion in sachlicher Belehrung. Seine Forderung an den Schreibenden, den hymnischen Ton der Menge zu meiden, die ein erschüttertes Selbstbewußtsein durch Verherrlichung noch kaum geprüfter, doch in bedingungsloser Bejahung hingenommener Gemeinschaftswerte auszugleichen strebt, wird man in klarer Abgrenzung gegen manche Methode jüdischer Selbstdarstellung, wie wir sie in den letzten Jahren erleben mußten, nur (nochmals zu unterstreichen haben. Dann aber wendet sich bin Gorion dagegen, daß versucht wird, die Satzung des Judentums nicht nur zu lehren, sondern auch zu erklären: sie bedürfe „weder des preisenden noch des entschuldigenden Wortes". Zugegeben: hymnische Verklärung ist ebensowenig wie ängstlich besorgte Rechtfertigung der richtige Tonfall. Dennoch lautet die Aufgabe, die dem Schreibenden und übrigens auch dem Vortragenden im Lehrhaus und auf der Kanzel heute gleichermaßen gestellt ist: den ohnehin schmal gewordenen Zugang zu der Welt jüdischen Brauchtums und Glaubenslebens neu zu eröffnen, nachdem ein Jahrhundert des Daseins in westlichen Lebensformen ihn fast völlig verschüttet hat. Wer so wie bin Gorion sachstreng es fordert, die Lehre des Judentums in ihrer Größe und Schwere vor den Lernenden hinstellt als ein in sich geschlossenes und begrenztes Gebilde, wird vielleicht eine wissenschaftliche oder publizistische Leistung erbringen — Menschen gewinnen wird er nicht. Wer heute Entscheidendes zu sagen unternimmt, muß von der Situation her sprechen, in der auch die Hörenden stehen: aus der Situation des rational - bürgerlichen Denkens, das seinen ureigenen Systembegriffen nicht a priori abzuschwören vermag. Aus dieser Situation in die Gewordenheit der jüdischen Lehre zu führen, das ist die Aufgabe. Sie fordert über die Darstellung sachlicher Gehalte hinaus den Ton der überzeugten, ja begeisterten Rede. Wissenschaft und Sachlichkeit sind das notwendige Rüstzeug. Aber sie genügen nicht. Hinzutreten muß ein Anteilhaben an dieser Situation des entfremdeten Juden, der in seine Welt zurückkehrt. Was anders als in und aus dieser Situation gesprochen wird, wird trotz aller Sachlichkeit ungehört verhallen. Nicht der Intellekt allein, auch die Seele ist der Resonanzboden, auf den das geschriebene wie das gesprochene Wort sich heute abstimmen muß. Das gilt in genau dem überströmenden, drängenden Sinne einer unvergänglichen Bestätigung, in dem Schalom Asch einmal sagte: „Der Siddur ist abgeschlossen, aber das jüdische Herz ist nicht abgeschlossen." Kurt Julius Riegner. Neue Jüdische Lesehefte Als es unlängst, in einer jüdischen Volksschulklasse, Chamischa Assar Bischwat zu feiern galt, und ich mich bereits vergeblich nach einem thematisch geeigneten Stoff umgetan hatte, da kam mir zu guter Stunde 92

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