Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1936)
- Article
- Das Jahr des Juden [Rezension]
- Date
- 1936-05-01
- Page
- 91 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2895450-2895552-2895555-2906019--08854-2906089- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nationales oder ein rein historisches Interesse an diesem Thema nimmt, dem Gläubigen wie dem sogenannten Freidenkenden einen Dienst erweisen. Das geistliche Jahr des Juden, in der Reihenfolge aber des bürgerlichen jüdischen Kalenders, von der Vorbereitungszeit auf das Neujahrsfest bis zu dem der Geschichte angehörenden Freudentag des fünfzehnten A\v, bildet das Gerüst des Werkes, welches von Ursprung und gegenwärtiger Gestalt der einzelnen ausgezeichneten Tage handelt und die Linie des jeweiligen Gottesdienstes getreulich nachzieht. Die allein auf den Einzelnen bezogenen Riten — was z. B. alles an Geburt, Hochzeit, Tod sich knüpft — sind dagegen einer besonderen Darstellung vorbehalten geblieben. Der Autor mochte das Buch zugleich als Fortsetzung seines im Vorjahre erschienenen Sabbatbuches angesehen wissen. Neben dem Sabbat wird seit eh und je der Neumondstag begangen; „ist doch heute nicht Neumond, noch Sabbat", spricht der Ehernann der Sunamitin. Die drei Hauptfeste des Jahres sind Erntefeste: Pessach das Fest des beginnenden Gerstenschnittes, Schawuot das des Weizenschnittes, Sukkot das abschließende Dankfest bei der Einbringung der gesamten Ernte; zugleich sind sie drei Erinnerungsmale an die Mose-Zeit: das Überschreitungsfest zum bleibenden Gedächtnis an den Auszug aus Ägypten, das Wochenfest zum Gedenken der Offenbarung am Sinai, das Hüttenfest aligemein zur Erinnerung an die Zelte der Wüstenwanderung. Die spätere Geschichte des Volkes gibt den Anlaß zu neuen Fest- und Fasttagen: aus dem ersten Exil stammt Purim, das Losfest, aus dem Beginn des zweiten jüdischen Reiches Chanukka, das Weihefest. Am neunten Aw wird der Zerstörung des ersten und des zweiten Heiligtums wie der Vernichtung Betars gedacht. Die Trauertage zwischen Pessach und dem 33. Tage der Omer-Zählung werden ebenfalls mit einer unglücklichen Begebenheit aus der Zeit der ersten Talmudlehrer in Verbindung gebracht, doch mögen darin, wie in Zobels Buch vermerkt, auch die Verfolgungen des ersten Kreuzzuges ihre Spur zurückgelassen haben. Der Vorzug von Zobels Buch liegt vor allem in den Brauchbeschreibungen, in den jedem einzelnen Kapitel vorangesetzten Einführungen, wie er sie zum Beispiel zu den drei Gebetszeiten des Tages, zu den zehn Bußetagen, zum Feststrauße des Hüttenfestes gibt. Bei der Reproduktion der Liturgie erweist sich, da nicht immer der Wortlaut angeführt werden kann, die Schwierigkeit, den Inhalt bis in die letzte Einzelheit hinein deutlich zu machen. Für jeden Terminus hat Zobel seine Verdeutschung, die immer trifft und niemals gesucht klingt, ob er nun unter den vorhandenen Bildungen wählt oder neue prägt. Die Sprache des Buches ist dem Gegenstand angemessen, ohne eine Spur predigthaften Tones, überzeugt und überzeugend, schlicht und klar. Emanuel bin Gorion. * Die Kritik, die Emanuel bin Gorion an die Besprechung zweier „Lehrbücher des Ritus" im „Morgen" geknüpft hat, scheint über den aktuellen Anlaß der Würdigung einzelner 91