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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 90

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Erinnerungen an Gustav Mahler
Date
1936-05-01
Page
90 (sequence 2)
Language
German
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Sohne des böhmischen Dorfes Kalischt. * Mahlers Operndarstellung beglückte zehn Jahre lang das staunende Wien. Das restlose Ergreifen eines jeden Stiles — gleichviel ob es sich um Mozart, Beethoven oder Wagner handelte — war ja erst die Voraussetzung dessen, was sich Abend für Abend, viele Jahre lang in Wien begab: das schwingende, atemlose Gefühl einer Einmaligkeit, Vollkommenheit, die das ganze Haus zu einer Gemeinde Andächtiger und Verzückter zusammenschloß. Hermann Bahr, der oft treffende Formulierungen fand, nannte einmal Mahlers Geheimnis beim Namen: Handwerk mit Genie. Die Höhepunkte hießen Figaro, Tristan, Fidelio. Wer sie wachen Sinnes erlebte, kann niemals ganz verdüstert werden. Damals war es noch von „allerhöchster Stelle" untersagt, den Dirigenten der Vorstellung auf dem Theaterzettel bekanntzugeben; doch wenn Mahler im Halbdunkel wie ein Pfeil zum Pult schoß, so wußte man, daß jetzt einige Stunden anbrachen, in denen man aufs heftigste ergriffen wurde durch die Gewalt eines Genius, der sich im Das Jahr Eine ernsthafte und dabei volkstümliche Einführung in Brauch und Liturgie des jüdischen Jahres, die dem Leser nicht schmeichelte, keiner der verschiedenen Richtungen entgegenkäme und mit strenger Sachlichkeit aufzeichnete, was des Kennens und Wissens wert ist, hat es bis jetzt nicht gegeben. Das Buch, welches Moritz Zobel nun vor- Dienst am Kunstwerk verzehrte und dem es gegeben war, Theater und Umwelt versinken zu lassen. * Im Jahre 1911 schloß er die Augen für immer. Doch er hatte, hellsichtig und hellhörig, in seinen Visionen alles Grauen späterer Jahre durchlebt, alle Erschütterung und alle Beseligung erfahren, deren ein Mensch teilhaftig werden kann. Schon jetzt, nach einem Vierteljahrhundert, umfließt ein Schimmer der Verklärung seine Erdenexistenz. Wenn von jüdischen Musikern gesprochen wird, erwähnt man zuerst Mendelssohn. Was dieser für seine Zeit war, bedeutete Gustav Mahler für den Übergang zu unserem Jahrhundert: er hat, nach einem schönen Worte Erich Kahlers, exemplarisch gelebt. Ich begegnete der geliebten Gestalt zum letzten Male — ich glaube, es war im Jahre 1910 — an einem Sommerabend in einer belebten Straße. Seine leidgewohnten Züge hatten einen vergeistigten Ausdruck gewonnen. Die untergehende Sonne gab ihm ihr Relief, bis er im Schatten der Straße verschwand. . . Karl Wiener. des Juden legt*), schließt diese Lücke — soweit ein Hilfsbuch sie überhaupt schließen kann — und wird der Generation, die eindringlich bemüht ist, sich die Realien des Judentums zu erarbeiten, unbeschadet, ob der einzelne nun ein religiöses, ein *) Das Jahr des Juden, in Brauch und Liturgie. Von Moritz Zobel. Schocken-Bücherei, Nr. 55-56. 90

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