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Der Morgen · 1936-05-01 · Heft 2 (Mai 1936) · p. 52

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Journal
Der Morgen
Volume
12 (1936-1937)
Issue
Heft 2 (Mai 1936)
Article
Sorgen um Palästina
Date
1936-05-01
Page
52 (sequence 4)
Language
German
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Sorgen um Palästina Die Judenheit in Deutschland hat in den schweren Jahren ihrer Ausgliederung ein besonderes Verhältnis zu Palästina gewonnen. Sie ist darum durch die gegenwärtigen Ereignisse besonders schwer betroffen. Trotzdem wäre es falsch, sie mit billigen Beruhigungspillen und lautstarken Protesten wieder „nervenfest" zu machen. Denn das, was da plötzlich am Horizont aufgetaucht ist, an dem man jahrelang eine holdselige Fata morgana mit einer harten großartigen Wirklichkeit verwechselte, ist kein Gespenst, sondern eine geschichtliche Tatsache. Die Palästinaliebe vieler unserer Mitmenschen zog sehr lange ihre Nahrung aus unreinen Quellen, aus Illusion oder Eigennutz. Beide sollen nicht verketzert werden, denn es sind natürliche Rückwirkungen eines im Seelischen wie im Materiellen beispiellos schweren Erlebens. Aber beide sind nicht stark genug, um allein das Land so blühend und fruchtbar zu machen, wie die Köpfe und Herzen seiner besten Vorkämpfer es erstreben. Wer in voreiligem und überhitztem Eifer die Kämpfe der letzten Wochen vertuscht oder verfälscht, wird vielleicht die unreinen Quellen wieder ins große Flußbett der Partei zurückleiten. Wer hingegen die Schwierigkeiten zeigt, wie sie sind, und wer sie verantwortungsbewußt einbezieht in den Willen zum Lande und zu seinem friedlichen Aufbau, der wird vielleicht solche Mitläufer abstoßen, die nur von Illusionen leben können. Ein ruhiges Abwägen der gegebenen Möglichkeiten wird auch sicherlich wenig zu den Fanfarentönen passen, unter denen zuweilen eine phrasenlos-heroische Jugend sich als Aushängeschild redseliger Propaganda mißbrauchen lassen mußte: aber es wird alle die zum Werke rufen, die an der Größe der Forderung die Stärke ihres Wollens zu erweisen streben. Es ist möglich, daß Menschen, die geblendet von der Sonne Palästinas Rang und Aufgabe der jüdischen Existenz in der Welt nicht mehr zu erkennen vermochten, wieder sehend werden, wenn man ihnen zeigt, daß auch diese Sonne Flecken aufweist. Aber die Sonne wird nicht dunkler, wenn man um ihre physikalische Beschaffenheit weiß, und das so vielfach bedrohte und erschütterte Leben von fünfzehn Millionen Juden bedarf des klaren Blickes ailer, die in ihrer Zukunft ihre Aufgabe sehen. E.R.-J. 52

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