Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Chaim Arlosoroff
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Aufsätze über Probleme der Diaspora, der Alija und der Palästinapolitik sprechen eindringlicher von den Etappen dieses Lebens für den Zionismus, als die biographischen Vorbemerkungen Georg Landauers, der Schwestern Dora und Lisa Arlosoroff und Lufbans es vermögen, die dem Buche vorangestellt sind. Immer spiegeln sich die Stufen des äußeren Erlebens in den Gegenständen der inneren Auseinandersetzung wider. Und da das Leben in Palästina selbst sich vollzieht, da es eingebettet ist in den Rhythmus des Landes, bleibt keine von dessen elementaren Sorgen und Hoffnungen undurchdacht, von der Parteipolitik bis zum Vorschlag eines planwirtschaftlich fungierenden „Nationalen Wirtschaftsrates", von der feinen psychologischen Studie über den Antisemitismus der englischen Beamten bis zur weit ausschauenden Weltpolitik, die die kleine Magnetnadel Palästina erzittern läßt. Arlosoroff erweist sich in seinen Reden und Schriften als ein Feind jeder hohlen Deklamation. Bis zur asketischen Selbstbeschränkung vermeidet er tönende Appelle und aufwühlende Erörterungen über zionistische Grundfragen. Nicht einmal das zu ethischer Übersteigerung geradezu herausfordernde Araberproblem behandelt er anders denn als Realpolitiker, — freilich als einer, der sich, trotz kühler Abwägung dessen was sein kann, dem was sein soll tief verpflichtet fühlt. Sein einziges Pathos ist das Pathos der Sachlichkeit. Es durchbricht großartig den strengen Gang seiner Beweisführung, wenn er es z.B. auf dem Baseler Zionistenkongreß 1931, in der Debatte über das Endziel des Zionismus, der billigen Geste des politischen Radikalismus entgegenschleudert. Aber auch Bewunderung, Liebe und Trauer um diesen notwendigen, nicht ersetzten Menschen dürfen den Blick dafür nicht trüben, daß Arlosoroff nur ein Teil-Judentum vertreten hat. Vielleicht war es seine Herkunft aus dem seiner selbst sicheren jüdischen Milieu des Ostens, die ihn trotz seines späteren Eingehens in das Westjudentum an der Frage vorüberführte, welches der spezifisch jüdische Beitrag des erwachenden Palästinas sein solle und sein werde. Ihm erschöpft sich die Judenfrage in der nationalen Frage. Hinter der drängenden Not der jüdischen Menschen, zu deren Lösung er Palästina vor allem für berufen hält, tritt für ihn die Not des Judentums zurück. So ist er, wenn er die jüdischen Chancen der Diaspora und Palästinas gegeneinander abwertet, wenn er über Emanzipation undAssimilation spricht, von einer großartigen — Einseitigkeit. Kein Zweifel, daß aus solchem Rohstoff die Schaffenden aller Zeiten geformt werden; kein Zweifel aber auch, daß die Bewährung eines zuende gelebten Lebens in dem Menschen Chaim Arlosoroff noch Kräfte entwickelt hätte, die erst in Grundzügen bei ihm angelegt waren. Er stand, als er starb, mitten in solchem Werden, ausgesetzt dem Meißel des Meisters, wo er am kühnsten und am härtesten trifft: „Nicht Wächter, nicht Verteidiger der Mauer sind wir, — das überlassen wir anderen—sagte er, „sondern die Mauer selbst, und jeder von uns ist ein lebendiger Ziegel in dieser Mauer. Ich glaube, daß hierin unsere Stärke liegt." E.R.-J. 42