Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Jüdische Gegenwart und hellenistisches Erbe
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 27 (sequence 4)
- Language
- German
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Jüdische Gegenwart und hellenisches Erbe Wege des eigenen Handelns anzuhalten trachtet, während Jeremia von seinem Gotte ganz bestimmte Befehle empfängt, die er seinem Volke zu übermitteln hat Betrachten wir aber deren Inhalt, so werden wir finden, daß sie immer gerade das enthielten, wozu auch ein unentwegt auf das allgemeine Beste gerichtetes selbständiges Denken, ein unverwandter, nicht durch Eigennutz der Großen und Leidenschaft der Menge getrübter Blick auf das wirkliche Wesen einer in Gott gegründeten Gemeinschaft das Volk und seine Führer hingeleitet haben müßte. II. In striktem Gegensatze zu jener Sokratesauffassung, die einst ihren Ausdruck in Friedrich Nietzsches genialer Erstlingsschrift fand, hat die Forschungsarbeit der letzten Jahrzehnte es immer deutlicher werden lassen, wie durchaus bodenständig das Denken und Wollen des Sokrates gewesen ist, wie tief verwurzelt in der Tradition seiner attischen Heimat und in der des Gesamtgriechentums. Als ein von den Göttern beauftragter Mahner und Warner seines Volkes hat sich auch Solon gefühlt, der große Gesetzgeber der Athener und älteste uns bekannte attische Dichter. In einer seiner Elegien heißt es am Anfang: „Unsere Stadt wird nicht nach dem Ratschluß der seligen Götter zugrundegehen, denn Pallas Athene hält ihre Hände über sie gebreitet; aber die Bürger selbst wollen in ihrer Geldgier die Stadt zugrunderichten." Dann malt der Dichter mit glühenden Farben ein Bild des Fluches, der auf ein Staatswesen notwendig durch Ungerechtigkeit der Machthaber herabgezogen wird, und diese Schilderung schließt mit den Worten: „Dies befiehlt mir mein Geist, die Athener zu lehren." Werner Jäger hat nun, indem er die enge Beziehung dieses Gedichtes zu Odyssee I 32 ff. nachwies, ersichtlich gemacht, daß Solon sich hier als Träger einer vormals göttlichen Aufgabe gefühlt hat: in alten Zeiten, da noch Götter und Menschen einander begegneten, war sie Hermes, dem Boten des Zeus zugefallen. So sehen wir denn an den Angelpunkten der Entwicklung des hellenischen Geistes, im Selbstverständnis eines Solon und eines Sokrates, ein Ethos wirksam, das dem des israelitischen Prophetentums aufs innigste verwandt ist, und auch in der attischen Tragödiendichtung, die ja auf dem Wege liegt, der von Solon zu Sokrates hinführte, treffen wir dieses Ethos an. Wer erinnert sich nicht, wie in der „Antigone" des Sophokles Teiresias, der blinde Seher, Kreon, dem König, den Haß und Zorn an der Seele geblendet haben, das Strafgericht voraussagt, das dann über ihn hineinbricht? Dieses Drama, unter allen Werken der attischen Tragiker am meisten gefeiert, legt mit seiner mächtigen Vision eines dreifachen Triumphes opferbereiter, selbstloser Liebe über die Schrecken des 27