Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Jüdische Gegenwart und hellenistisches Erbe
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 25 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Ilse Abramezyk: Jüdische Gegenwart und hellenisches Erbe Wenn wir zur Klärung dieser Frage biblisches Judentum und klassisches Griechentum einander so entgegenstellen wollen, wie jedes von ihnen sich in einer dem Bewußtsein unserer Zeit allgemein gegenwärtigen Menschengestalt verkörpert, so möchten wir als jüdische Gestalt Jeremia wählen, der die Entwicklung seines Volkes bis in die letzten Tiefen beeinflußt hat. Als griechischer Partner dieser Zwiesprache aber dürfte niemand geeigneter sein als der Mann, der zwar der Nachwelt kein von ihm selbst geschriebenes Wort hinterließ, dessen Rede und Gebärde uns aber aus den Schriften seiner Schüler so deutlich umrissen, so lebensvoll und so lebenswirklich entgegendringt wie die des Jeremia aus den Aufzeichnungen des Baruch, seines Jüngers — mit einem Worte: Sokrates. I. In der „Apologie" des Sokrates, der Schrift, in der uns Piaton, mit der unvergleichlichen Magie seines Wortes, das Ganze des Lebens und Wirkens seines Meisters heraufbeschwört, enthüllt sich uns als das zentrale Motiv der Existenz des Sokrates der Auftrag, den der Weise vom Gotte zu Delphi empfangen zu haben glaubt: seine athenischen Mitbürger und überhaupt alle Menschen zur Selbstbesinnung hinzudrängen, zur Besinnung auf ihr Nichtwissen um das wirkliche Wesen dessen, was gerecht und was ungerecht ist. Und dieser göttliche Auftrag vereinzelt und vereinsamt den Weisen in seiner Vaterstadt und läßt ihn deren Machthabern verhaßt werden, so wie den Jeremia die Worte, die Gott ihm zu sprechen befahl, einsam unter seinem Volke und den Mächtigen in Israel verhaßt machten. Und wie diese den lästigen Warner immer wieder eingekerkert und mit dem Tode bedroht haben, so stand für Sokrates am Ende des Weges, den er dem Befehl seines Gottes gehorchend dahinschritt, der Schierlingsbecher. Aber auch für das viel Schwerere, viel Furchtbarere, das der Gott Israels seinem Propheten zu tragen gab: daß dieser seines Volkes selbstverschuldeten Untergang mitansehen mußte, zu dessen Abwendung er die letzte Kraft seiner Seele aufgeboten hatte, auch dafür findet sich ein Analogon im Leben des Sokrates. Hat dieser es doch mitansehen müssen, wie seine liebsten Schüler, Charmides, Kritias und vor allem Alkibiades, von ihm abfielen, sich in Frevel verstrickten, ihrer Vaterstadt zum Verhängnis wurden und schließlich selbst ein schmähliches Ende fanden. Wie Sokrates selbst bekennt, lagen ihm weitaus am meisten seine Mitbürger, die Athener, am Herzen, „weil sie mir näher verwandt sind"; aber dennoch hat er sich mit seinem Worte nicht nur an sie gewandt, sondern an alle Menschen, die hellenischer Rede zu folgen vermochten, und manche seiner treuesten Freunde und eifrigsten Schüler sind Fremde gewesen. Und wir erleben, wie „reine Menschlichkeit" die Bindungen und Schran- 25