Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 12 (1936-1937)
- Issue
- Heft 1 (April 1936)
- Article
- Kommt er nicht?
- Date
- 1936-04-01
- Page
- 20 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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Leo Hirsch: Kommt er nicht? ganz pessimistisch rechnen, warten auf Euch. Unter solchen Umständen wären unsere Herren Nachbarn vom Olymp längst unterwegs! Ich habe keinen Durst. Allen Ernstes, es ist Zeit, daß Ihr geht. Wie kann der Messias kommen, wenn Ihr nicht vorausgeht! Und wie kann Pessach kommen ohne Euch! Und wie sieht Pessach mit mir aus? Ich weiß, wie es Euch schmerzt, daß Ihr immer unerkennbar bleiben müßt und darum nur ein wenig helfen könnt. Aber schon der Gedanke an Euch ist den Menschen eine Hilfe. Vom Gedanken wird niemand satt. Vielleicht nur vom Gedanken? In Rußland werden auch Juden verfolgt, wenn sie nicht gottlos sind — Sind sie nicht gottlos?! Wie könnt Ihr das sagen, wenn Ihr nicht hingeht und mit ihnen redet, jetzt, da Pessach vor der Tür steht! Vielleicht wäre das winzigste Zeichen von Euch eine Hilfe, eine Gedankenrettung! Und wie stehts denn mit den Juden im Westen? In Rußland hat man den Juden gleiches Recht gegeben und den Gott genommen, anderwärts hat man ihnen den Gott gelassen, aber hatten, haben sie denn noch den Gott? Helft wenigstens ihren Gedanken, Herr Prophet! Sie müssen sich selber helfen. Wenn Ihr den jüdischen Gedanken nicht helfen könnt, so helft wenigstens dem jüdischen Hunger. Sie hungern in Polen! In diesem Winter mußten tausende jüdische Kinder von der Schule fortbleiben, weil sie keine Schuhe haben. In Warschau haben Zehntausende kein Geld für Mazzot. Geht Geld schaffen, Herr Prophet! Wie denn? Wo denn? Die Hungrigen verkriechen sich. Die Krise wird immer bitterer, die Not so schwer, daß bald Rettung kommen muß! Christliche Sabbatianer gehen in Polen von Stadt zu Stadt und reden den Menschen zu, die Gebote zu halten, umzukehren, Menschen zu werden, denn der Messias sei unterwegs. Es sind Abgesandte zum Warschauer Rabbinat gekommen, um zu erklären, die armen polnischen Sabbatianer müßten am Pessach, acht Tage lang, fasten, wenn man ihnen keine Mazzot gewährt. Fremde sind treu, und Ihr, Herr Prophet — Ich gehe nicht!, schreit der Prophet verzweifelt auf. Warum dürft Ihr nicht helfen?, schluchzt der Engel. Warum darf ich nicht helfen ..., flüstert der Prophet vor sich hin. Und der Engel schluchzt. Nach einer Weile begütigt ihn der Prophet: Du mußt nicht mich fragen, mein Kind — — — — 20