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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 565

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
[Rezension]
Date
1936-03-01
Page
565 (sequence 2)
Language
German
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Gemeinschaft: mag der Bolschewismus einzelnen jüdischen Menschen wirtschaftliche oder auch politische Positionen verschafft haben, die jüdische Gemeinschaft in ihrer organischen Gewordenheit wird zerrieben durch die radikale gleichmacherische Tendenz des Regimes, das die Pflege jüdischer Eigenart teils aus antinationalen, teils aus antireligiösen Gründen zu unterbinden sucht „Die Hauptkämpfer gegen das hebräische Bildungswesen in der Sowjet-Union sind die assimilierten jüdischen Bolschewisten" (S. 114). Die geschichtliche Kontinuität der russischen Judenheit und ihre Verbindung mit der Judenheit anderer Länder werden gleichermaßen verhindert- Und zu den großen inneren Widersprüchen unseres jüdischen Schicksals gesellt sich als weiterer die Tatsache, daß dort, wo jüdische Einzelleistung angeblich der Machtentfaltung der jüdischen Gesamtheit dient, diese als Gruppenpersönlichkeit dem Untergang geweiht ist. Werner Rosenstock. Die Fahrt ins Wanderland Auf meinem Schreibtisch liegt ein Roman, in dem die form-und wirkungsvollsten deutschen Landschaften wie der Mittelrhein, der Taunus, der Spessart und der Odenwald besungen werden, ohne daß die dazugehörigen deutschen Menschen, die ja der Landschaft erst das Gepräge geben, auftreten oder nur erwähnt werden. Dagegen sind alle in diesen Landschaften sich begegnenden Menschen mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit Juden. Es ist ein Roman, in dem die Personen sehr unzulänglich und nur schematisch angedeutet sind, und der denn auch folgerichtig einen irreführenden Titel hat. Der Titel „Ahnen und Enkel" des Romans von Rudolf Frank (Jüdische Buch-Vereinigung, Berlin 1936) läßt vermuten, daß es sich um den Gegensatz oder die Wiederannäherung der Generationen handele. Nichts von alledem. Der Roman handelt von einem Dutzend Menschen, die nach Birma auswandern, was wohl knapp ein Drittel des Buchumfangs ausmacht Des Romans I n - halt bestreiten zu gut zwei Dritteln „Canterbury Tales", nämlich Geschichten, von denen jede Person eine zu erzählen verpflichtet ist und die vom Geschick der Ahnen berichten, das den Emigranten Mut machen soll. Es ist aber ein arger Mißgriff, wenn der Verfasser im Vorwort den Mut hat, angesichts des großen Themas der jüdischen Wanderungen Fröhlichkeit verordnen zu wollen. Ist Wanderung überhaupt ein ernstes und das Dasein gefährdendes Ereignis, da es abgesehen von den wirtschaftlichen Schwierigkeiten die geistig-seelische Einheit der Person zu zerstören droht, so ist sie gerade für die im Rheinland besonders stark verwurzelte und seit Jahrhunderten ansässige jüdische Bevölkerung ein Ereignis von besonderer Härte. Über den Abschied und die Abfahrt der zur Auswanderung entschlossenen Menschen, Ereignisse,die uns sehr wichtig gewesen wären (denn eines ist das Reden vom Weggehen und ein anderes ist der Weggang selbst!), erfahren wir nichts. Da wir uns ja nicht aufregen sollen, unterschlägt es uns der Verfasser mit derselben Fol- 565

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