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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 564

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Lebenswille
Date
1936-03-01
Page
564 (sequence 2)
Language
German
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seine Existenz an seine Macht setzt, hätte das Judentum schon seit der Tempelzerstörung sein Leben verwirkt gehabt; nicht auf die Macht, sondern auf seine religiöse Bestimmung hat das Judentum sein Bestehen gegründet. Aber deshalb „Ghetto" als Schicksal — das Unterdrücktsein wollen? Der Einzelne, der ein Lebenswerk — und es kommt nicht einmal darauf an, wie dieses Lebenswerk sich andern dar- Abraham Heller, Die Lage der Juden in Rußland von der Märzrevolution 1917 bis zur Gegenwart. M. &H. MarcasVerlag, Breslaul935. Es ist das Schicksal werdender Länder, insbesondere soweit ihre Entwicklung durch eine revolutionäre Idee bestimmt wird, daß sie in dem gleichen Maße wie diese Idee selbst von dem heftigen Für und Wider der Meinungen erfaßt werden. Eine Betrachtung ihrer Wirklichkeit wird daher meist gewollt oder ungewollt durch die vorgefaßte weltanschauliche Einstellung des Betrachters stark beeinflußt. Mit diesem Vorbehalt muß auch die Hellersche Schrift, eine Berliner Dissertation aus dem Jahre 1935, beurteilt werden. Der Autor schildert unter Zuziehung zahlreicher statistischer und urkundlicher Unterlagen die körperliche, wirtschaftliche und seelische Not, in die die jüdischen Massen Rußlands seit — oder auch durch — Beginn des Rätesystems gelangt sind. Das Grauen der Pogrome während der Übergangs] ahre 1917—1920 zieht in chronologischen Aufzählungen und exakt-zergliedernden Statistiken an uns vorüber, wobei übrigens nach Hellers Angaben (S. 57) auf Ausstellt — zerschlagen sieht, der mag es nicht überleben wollen. Aber selbst eine so heroische Zeit wie'die französische Revolution fand des Abbe Sieyes Antwort bemerkenswert auf die Frage, was er, zehn Schreckensjahre lang untergetaucht, getrieben habe: „Ich habe gelebt." Und für den alten edlen Stamm, für eine Vielheit von Menschen gar fangen wir das Wort auf und bejahen es fest: diese da müssen doch leben. — ch. schreitungen der Roten Armee 2,3 o/o der Todesopfer zurückzuführen sind, während -die meisten Pogrome von ukrainisch-nationalen Truppen (53,7o/o), Freiwilligen (17o/0) und aufständischen Banden (14,8o/0) veranstaltet worden waren. Zu diesen Tragödien, die jüdische Menschen als Juden durchleben mußten, traten die wirtschaftlichen Folgen des ökonomischen Strukturwandels in Rußland, der sich auf die jüdischen, vorwiegend kleinbürgerlichen Massen besonders verheerend ausgewirkt hat, und der eine grenzenlose Verelendung gerade unter den jüdischen Massen bewirkt hat. So ist z.B. die Arbeitslosigkeit unter den Juden unverhältnismäßig höher als unter der nichtjüdischen Bevölkerung (S. 98). Die Versuche einer jüdischen Massensiedlung in der „an der chinesischen Grenze liegenden Wüste" Biro-Bidjan (S. 95) sind nach Heller gescheitert, da sie hauptsächlich aus klimatischen Gründen undurchführbar waren. In einem abschließenden Kapitel schildert Heller die politische und kulturelle Lage der russischen Juden. Hier erweist sich die besonders tiefgreifende Tragik der sowjet-russischen Entwicklung für die jüdische 564

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