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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 563

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Zwei Lehrbücher des Ritus [Rezension]
Date
1936-03-01
Page
563 (sequence 2)
Language
German
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beiden Büchern geht es um den Jahres- und Lebenskalender des gebotspflichtigen Juden und um die Aufgabe, diese Welt dem außerhalb ihrer Stehenden, der Synagoge Entfremdeten verständlich zu machen und zu eröffnen. Beide Autoren fühlen daher eine Mission in sich, die noch über die simple Belehrung hinausgeht; sie möchten überreden und geraten, der Laie fast ebenso sehr wie der Theologe, in einen oft geradezu hymnischen Ton. Sie wollen die einzelne Satzung nicht nur lehren, sondern auch erklären, und da die religiöse Begründung nicht ausreicht, die wissenschaftliche Deutung ins Uferlose führen würde, so wählen sie den Weg einer populären Philosophie, mit der vor allem auch der Einwand des modernen Menschen, des Gleichgültigen wie des ausgesprochenen Gegners, abgewehrt werden soll. Zu einem Gesetz, das er dem neuzeitlichen Empfinden nahebringen möchte, äußert Swarsensky: „Die Entstehung entscheidet nie über den Wert einer Sache. Es kommt stets darauf an, mit welchem Sinn ein Brauch verbunden wird, gleichviel welches sein Ursprung ist." In einem ähnlichen Zusammenhang sagt Hirsch: „Wie könnte man gegen ein Symbol einwenden, daß es eben ein Symbol ist? Und das in Worten, während wiederum jedes Wort selbst nur ein Symbol ist? Es kommt nicht darauf an, Gebräuche zu beurteilen, sondern sie mit seinem ganzen Herzen, mit seinem Gefühl, Glauben, Wissen, Ahnen und Hoffen zu durchtränken. Jede Form hat soviel Leben, wie man ihr abgewinnt und einverleibt." Im Grunde freilich bedarf Sitte und Brauch der Altvordern weder des entschuldigenden noch des preisenden Wortes. Ob sie uns nur Geschichte sein können oder auch Gegenwart, ob wir sie als nationales Erbe werten oder noch bzw. schon wieder aktive religiöse Bedeutung ihnen zumessen — diese Frage tritt zurück lünter der Forderung, sie sich wissensmäßig zunächst einmal anzueignen, und jedes aufgedrungene Urteil hierin macht den Weg zu leicht und erschwert ihn damit. Emanuel bin Gorion. Lebenswille Vor uns liegt ein umfangreicher Brief von Kurt Tucholsky an Arnold Zweig — abgedruckt im „Schwarzen Korps" vom 27.2. —, in dem Tucholsky kurz vor seinem selbstgewählten Tode Abrechnung hält mit den jüdischen Antworten auf das Jahr 1933. Wir versagen es uns, zu dem Brief als Ganzem Stellung zu nehmen und greifen nur zwei Stellen heraus: es sei nicht wahr, daß das Judentum seit Jahrtausenden kämpfe ... „es kämpft eben nicht ..." und: „Ghetto ist keine Folge. Ghetto ist Schicksal. Eine Herrenrasse wäre zerbrochen — diese da ,müssen doch leben' ..." Diese Sätze scheinen uns zu zeigen, daß das Gefühl einer Schicksalsgemeinschaft mit dem Judentum, das Tucholsky nach seinen eigenen Worten seit 1933 empfand, nachdem es ihm früher fremd war, nicht genügte, um auch sein Denken dem jüdischen wieder zu nähern. Als „Herrenrasse", als ein Stamm, der 563

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