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Der Morgen · 1936-03-01 · Heft 12 (März 1936) · p. 554

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 12 (März 1936)
Article
Königin Esther fastet
Date
1936-03-01
Page
554 (sequence 2)
Language
German
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Werner Cahnmann: Königin Esther fastet Rilkes Darstellung ist des großen Psychologen und Religiösen, der er war, würdig. Aber die Tat der Esther wird in ihr der moralischen Größe entkleidet. Die Königin tritt auf wie jemand, der dem was er tut innerlich nicht gewachsen ist: der Zufall entscheidet schließlich den Ausgang. Eine solche Auffassung ist im Wort und Sinn der Megillah nicht begründet. Wer nachliest, wird finden, daß die Peripetie des Dramas nicht erst in dem Gunsterweis des1 Königs zu Anfang des fünften Kapitels zum Ausdruck kommt, sondern schon zu Ende des vierten Kapitels in dem Gespräch Esthers mit Mordechaj, das durch den Kämmerer Hathach vermittelt wird. Mordechaj fordert die Königin auf, den Anschlag des Haman durch ein Gesuch beim König zu vereiteln. Esther begründet ihre Ablehnung mit dem Hinweis auf die Todesgefahr. Es bedarf einer erneuten Mahnung des irdischen Sprechers, um ihr den Entschluß zum Alleinsein mit ihrem Gott im Licht der ihr gestellten Aufgabe abzuringen. Königin Esther heißt die Brüder fasten. Dann verschließt sie sidi im Frauensaal. Liegt erschöpft von ihres Herzens Lasten, Preßt den Mund und ihr Gesicht wird fahl. Sie erwägt die ungeheuren Pfunde, Die in ihren schwachen Händen ruhn. Zitternder verrinnt ihr Stund um Stunde Und sie schaudert vor dem eignen Tun. Als der dritte Morgen zögernd dämmert. Steht sie auf und schmückt sich wie zum Fest. Während ihr das Blut die Schläfen hämmert, Weiß sie was sie tut und was sie läßt. Sie befiehlt die Schleppe ihr zu tragen! Ihre Frauen stehn erstarrt und stumm. Tonlos hören sie die Fürstin sagen: Komm ich um, so komm ich um. Die Königin Esther fastet. Alle ihre Angst und ihr Zittern rafft sie zusammen, indem sie sich anschickt, vor den König der Könige zu treten, der über den irdischen Königen thront. In der Zwiesprache mit ihm will sie sich vorbereiten auf den Gang, den sie als Bittende zum persischen Großkönig tun soll. Da, im gesammelten Denken an die höhere Macht, die geahnt aber nicht genannt wird, verwandelt sich Angst in Mut, Zittern in Entschlossenheit. Sie hat ihr Leben aufs Spiel gesetzt: kaascher avadeti, avadeti (Wenn ich umgekommen bin, bin ich umgekommen), das sind die letzten Worte, die Mordechaj von ihr hört. Diese Worte begleiten sie durch die drei Tage des Fastens, und wie ein traumhafter Sinnspruch liegen sie noch auf ihren Lippen, als sie aufsteht, um sich dem gefahrdrohenden Thron zu nähern. Weil sie weiß, daß sie im Tal des Todes geht, kann sie tapfer sein. 554

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