Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 12 (März 1936)
- Article
- Der Gezeichnete
- Date
- 1936-03-01
- Page
- 537 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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jakob Picard: Der Gezeichnete (SMuß) Immer wieder wuchsen nun Pläne in ihm, abermals und weiter fortzugehen für lange Zeit. Und wenn er gegen den Frühling zu dahinschritt, in der wärmeren Sonne, durch den schon schmelzenden Schnee, der sich schmutzig bräunte von Mist und Erde, so vergaß er sinnend oft den unmittelbar drängenden Tag und die jähen Zankworte, die ihn erwarteten, wenn er mit leeren Händen zur Armseligkeit der niederen Stuben zurückkam und zur Schwester, die ihn doch liebte in dem Verbundensein ihrer Armut. Aber wie des Menschen Schicksal es von Anfang an bestimmt hat, so muß er sich fügen. Und es nützte ihm nichts, was er in sich erwog. "Denn als er heimgekehrt war, hatte er ja die Gela Baum noch da gefunden, und es hatte sich ergeben, daß ihr Schidduch mit dem Eisig Stein aus Laudenbach zurückgegangen war, da ihr Vater, der Feiwel, zuletzt an der ursprünglich versprochenen Mitgift hundert Josephstaler hatte abziehen wollen und nicht hatte mit sich reden lassen; weil er es eben nicht konnte, was er freilich keinem verriet. Als Sender das alles hörte, war doch eine Schwäche tiurch seine Glieder gegangen, da das Blut ihm jäh zum Herzen drängte, wiewohl er an dem fremden Ort und während der vielen Monate immer weniger an das Mädchen hatte denken müssen. Ganz ruhig war er schließlich gewesen, als er sie zum erstenmal wiedersah und begrüßte, ohne zu wissen, wie die Dinge lagen. Aber während der Winterzeit jetzt im Dorf hatte er sie scheu gemieden, sich erinnernd an die letzte Begegnung damals, ehe er fortging, wo er ihr zärtliche Worte hatte sagen wollen. Da kam Purim. Und obgleich man seine vergebliche Wanderung verspottete, indem verhüllte und maskierte Gestalten nachts, wie üblich, auch bei ihm und der Schwester eindrangen mit dem. Gesang jenes Spottliedes, mit frechen und auch bösartigen Worten, so ging Sender doch zu dem Fest, das sie wie alljährlich hielten in der alten Wirtsstube. Denn Spott und Bosheit mußte man ertragen, ja lachen mußte man dazu, weil es Purim war, die Tage, da alles gering sein soll, was den einzelnen unter uns bedrückt gegenüber dem Gedanken und der Freude über die Gnade, mit der der Ewige, gelobt sei er, einstens unsere Väter gerettet hat vor Verleumdung und böser Tat. Zuerst saßen sie alle ein wenig scheu herum, weil sie befangen waren ob des seltenen Beisammenseins in größerer Zahl, das sie zu gesellschaftlichen Formen zwang. So war es immer. Die Mädchen saßen beieinander und trauten sich kaum zu sprechen, 537