Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 11 (Februar 1936)
- Article
- Heine? Fehlt!
- Date
- 1936-02-01
- Page
- 517 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nig von Heine, daß fast vergessen wird, wieviel wirkliche Haltung er uns vorgelebt, er unserer Situation vorweggenommen hat. Er ist immer noch der große jüdische Dichter der Jahrhunderte, aber gerade sein Judentum ist eigentlich nur insofern bekannt, als man daraus Vorwürfe oder Entschuldigungen machen kann. Die „Confessio judaica", die Sammlung alles Jüdischen bei Heine, ist seltsamerweise eines der schwerstverkäuflichen Standardwerke des jüdischen Buchhandels, und Max Brods vom Jüdischen her unternommene Heine-Psychologie dringt auch nicht recht durch. Überblickt man das ganze Gebiet der Kenntnis und Verbreitung von Heines Wesen und Werk, so bekommt man ein unheimliches Bild. Es gibt über 350 Kompositionen von „Du bist wie eine Blume" und über 3500 Publikationen über Heine. Dagegen gibt es noch keine dem greifbaren Material gerecht werdende kritische Gesamtausgabe von Heines Werken, von der zweiten Elsterschen sind nur vier Bände erschienen, und weder hat sich früher ein deutscher noch neuerdings ein jüdischer Verlag gefunden, um dieses Werk zu vollenden. In Düsseldorf und anderswo lagern unzählige Heine- Schätze, und weder die Universität von Jerusalem noch die verschiedenen jüdischen Mäzene, die für kleinere Größen größere Summen aufwenden, tun etwas, um sie zu bergen. Es gibt noch massenhaft Unveröffentlichtes von besonderer Bedeutung, z. B. Briefe von und an Heine, aber offenbar kein Interesse, es zu publizieren. Um ein paar Beispiele zu nennen: man kann sich jetzt von Heines politischen Ideen und Wandlungen kein rechtes Bild machen, weil sein zeitweise sehr intensives Verhältnis zu Marx und Engels niemals gründlich dargestellt worden ist; eine gründliche Darstellung aber wäre schon notwendig, um Heines schließliche Abwendung von Marxens Ideen, die unsere allgemeine Entwicklung vorweggenommen hat, zu klären; aus Friedrich List's Briefen und Tagebüchern geht hervor, daß Heine List gut gekannt und wahrscheinlich beeinflußt hat, von Heine her ist das nie beachtet worden; es fehlt eine Darstellung von Heines Verhältnis zu Moses Heß und zum nichtliberalen Judentum, es fehlt eine Darstellung der Beziehungen zu Tieck auf Grund des wichtigsten, nur teilweise publizierten Briefwechsels, es fehlt eine Darstellung der Beziehungen zu Franzosen von Balzac bis zu George Sand usw., es fehlt vor allem die Darstellung des Juden Heine, zu der Brod einen Anfang gemacht hat. Wie wichtig das alles wäre, weiß nicht bloß der Literarhistoriker, dem die Undurchpflügtheit jedes fruchtbaren Feldes leidtun muß, sondern jeder Leser, der Heine liebt und braucht. Und wie nötig wir Heine brauchen, wie nötig wir Heine-Verständnis heute brauchen, weiß wohl jeder, der mit offenen Augen unsere Lage betrachtet. L. H. Manfred Sturmann, Herkunft und Gesinnung. Erich Reiß Verlag, Berlin 1935. Vor Jahren ist der Begriff „Gebrauchslyrik" aufgetaucht und für einige Zeit erfolgreich propagiert worden. Es ist damit die Poesie gemeint, die zum Unterschied vom „Gelegenheitsgedicht" einerseits An- 517