Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 467 (sequence 2)
- Language
- German
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Diese Inaktualität der meisten in dem Buche besprochenen Denker bedingt es, daß die Zielsetzung, etwas von der Bedeutung des Judentums für die europäische Kultur zu zeigen, nicht erfüllt werden konnte und an immanenten Schwierigkeiten scheitern mußte. Es ist eine wichtige Aufgabe, den Einfluß des antiken Judentums auf die moderne Welt darzustellen. Aber die Juden des IQ. Jahrhunderts haben nach unserer Auffassung in philosophischer Hinsicht der Welt nur sehr wenig zu sagen gehabt. Der abstrakte Religionsbegriff, den man sich zurechtmachte, war nichts Neues für die europäische Welt. Die „gegenseitige Beeinflussung" erscheint uns sehr fragwürdig; wohl ist der starke Einfluß europäischen Denkens auf die Juden vorhanden — aber das Umgekehrte ist in der Philosophie doch nur in sehr bescheidenem Umfange der Fall gewesen. Ja, nicht einmal auf die Juden selbst vermochten die jüdischen Denker einen Einfluß in jüdischer Hinsicht auszuüben; die Wissenschaft des Judentums ist eine leider nur sehr exklusive Sache geblieben, die nicht in das Volksbewußtsein einging. Gerhardt Neumann Patience Als ich kürzlich einer Familie einen Besuch abstatten wollte, traf ich nur den Herrn des Hauses an, der gebannt auf einen Tisch voller Karten starrte. Er hieß mich einen Augenblick warten, da er gleich zu Ende sei. Das Feld überprüfend legte er mit müder Hand eine Karte auf einen Haufen und vertauschte nacheinander die Plätze einiger Karten, wobei er nach jedem neuen Zug eine Pause des Nachdenkens einlegte: ein Treiben, das mir, da ich das Prinzip nicht kannte, sinnlos erschien. Die Karten nach beendetem Spiel zusammenräumend versicherte er mir, dies Spiel lenke ein wenig von den schweren Sorgen ab: er spiele „Patience". Es berührt merkwürdig, daß man ein Kartenspiel so allein, so ungesellig spielen kann, da ja doch das Kartenspiel so oft im Mittelpunkt vor allem der Männergeselligkeit steht. Zum Spielen gehört Selbstbeherrschung, Verstellung, Mut und Glaube an das Glück, kurz der Wille, mit Stich und Trumpf über die Partner den Sieg davonzutragen. So sind der Ernst und Kampf des Lebens in eine Sphäre übertragen, in der Verlust und Sieg nur symbolisch durch Spielgeld dargestellt werden. Vom Kampfgeist, der sich so temperamentvoll mit Fluchen und Schimpfen im Männerskat entlädt, ist bei der Patience nichts zu entdecken. Die Ordnung der buntgemischten Karten erfolgt nach bestimmten Regeln, die den freien Willen des Menschen ausschließen. Da das Fatum in Form der gemischten Karten nach diesem System, das nur ein Klügeln, aber kein freies Handeln zuläßt, in mehrmaligem Anlauf geordnet werden kann, liegt der Fatalismus greifbar nahe. So sagen denn auch die passionierten Spieler für Patiencespielen einfach „die Karten legen". Die Dame, die mich mit den Regeln des „Kartenlegens" vertraut machte, verband damit zugleich die Frage, ob eine Mutter ihren Sohn im nächsten Jahr in Palästina besuchen werde. Selbstverständlich ge- 467