Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 10 (Januar 1936)
- Article
- [Rezension] / B. J.
- Date
- 1936-01-01
- Page
- 466 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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von tiefer Wirkung die gemütvolle Erklärung der Hirschjagd und des Jungbrunnens der ersten Darmstädter Haggada - Handschrift: der gehetzte Hirsch, eine Allegorie auf das ewig gejagte Volk Israel, das seinen Trost findet in dem unerschöpflichen Jungbrunnen der Lehre. Wir wünschen dem gediegenen Buche weite Verbreitung. Für eine hoffentlich bald erscheinende Neuauflage wäre freilich ein Schlagwort- Register und die Beseitigung kleiner Irrtümer erwünscht. (S. 138, 3. Abs. muß das Wort „Trauertage" gestrichen werden, Abbildung 63 stellt nicht Simchat Tora, sondern Sukkot dar.) B.J. Albert Lewkowitz, Das Judentum und die geistigen Strömungen des 19. Jahrhunderts, M. & ff. Marcus Verlag, Breslau 19Z5. Das 19. Jahrhundert steht vor uns deutschen Juden als unser Schicksal. Es ist nicht wie andere Zeiten schon „Geschichte" geworden, sondern noch immer ein Ausgangspunkt unserer Existenz. So ist es verständlich, daß in dieser Zeit der Infragestellung der früher gültigen Kategorien das Bestreben dahin geht, die vergangene Epoche von neuem zu durchforschen, weil man fühlt, daß mit der Klarheit über sie auch eine gewisse Klarheit in uns entstehen kann. Eine andere (wissenschaftliche) Frage ist es, ob wir nicht noch zu nah an dieser Zeit stehen, um sie vorurteilsfrei beurteilen zu können. Vor uns liegt das umfangreiche Buch von Lewkowitz, das mit seinen 570 Seiten äußerlich und inhaltlich erschöpfend genannt werden kann. Das Werk unternimmt den Versuch, die „gegenseitige Beeinflussung des jüdischen und europäischen Geisteslebens im 19. Jahrhundert" aufzuzeigen und verspricht im Vorwort überdies, „den Sinngehalt des Judentums in seiner Bedeutung für das religiös-sittliche Bewußtsein der europäischen Kultur" zu erweisen. Ehe wir fragen, ob dieses Ziel erreicht worden ist, sei kurz auf den überaus reichhaltigen Inhalt des Buches hingewiesen. Es gibt neben präzisen und sehr klaren Darstellungen der Denksysteme, von denen jüdische Denker abhängig waren, eingehende Analysen der jüdischen philosophischen Arbeit im 19. Jahrhundert, die die Darstellung Max Wieners in seinem Werk über die „Jüdische Religion im Zeitalter der Emanzipation"' aufs glücklichste ergänzen. Von Lazarus Bendavid und Salomon Maimon bis zu Freud und Bergson entsteht in diesem Werk eine große Kette jüdischer Menschen, die sich auch über das Judentum Gedanken gemacht haben. „Auch": das ist das Wesentliche. Zieht man die Vertreter der Wissenschaft des Judentums und des jüdischen Nationalismus ab, so bleibt die Philosophie von Menschen übrig, die durch die jeweilige Philosophie ihrer Zeit beeindruckt waren und sie zuweilen auch fortzuführen vermochten, die aber doch zum Judentum nur im Verhältnis (günstigstenfalls) der „Distanzliebe" oder (schlimmstenfalls) der Haßliebe standen. Gerade bei der Überfülle des Materials, das Lewkowitz vorlegt, kann man erkennen, wie stark die philosophierenden Juden des 19. Jahrhunderts zeitgebunden waren; im allgemeinen stehen sie unserem Gefühl sehr fern und vermögen uns nicht zu ergreifen. 466