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Der Morgen · 1935-12-01 · Heft 9 (Dezember 1935) · p. 424

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 9 (Dezember 1935)
Article
[Rezension]
Date
1935-12-01
Page
424 (sequence 2)
Language
German
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Interpretationen noch von einem dem . Kantischen fremden oder gar entgegengesetzten Standpunkt aus erfolgt. Baumgardt hat es auf diese Weise nicht nötig, Kant irgendwie zu vergewaltigen oder auch nur zurechtzubiegen; er wertet die Konsequenzen, zu denen Kant gelangt, einzig von Kants eigenen Voraussetzungen aus. So gewinnt er Verständnis für einen Zug des Kantschen Systems, der oft übersehen oder als bloße architektonische Spielerei ausgeben wird: für Kants Bestreben nämlich, den Aufbau seiner Moralphilosophie mit dem seiner Erkenntnisphilosophie zu parallelisieren. Bei der Betrachtung des es Bestrebens kommt Baumgardt zu dem zwar höchst überraschenden, doch überzeugenden Resultat, daß Kant seine Parallelisierung von theoretischer und praktischer Vernunft nicht, wie man bislang stets angenommen hat, zu weit, vielmehr nicht weit genug treibt. Die Entsprechung zwischen Form und Inhalt, so sagt Baumgardt, an welcher Kant in seiner Erfenntmslehre unverbrüchlich festhält, gibt er in seiner Ethik preis. Hier raubt er der Form jedwede Beziehung auf den Inhalt, und infolgedessen gerät dadurch in die formalen Prinzipien und in das ihnen Unterstellte etwas Unklares, Zweideutiges. So wenig dies Baumgardt abgestritten werden kann, so sehr ist ihm doch zu widersprechen, wenn er im Zusammenhang damit Kants Freiheits- und Autonomiegedanken ablehnt, diesen tiefsten Gedanken der Kantischen und vielleicht der gesamten abendländischen Philosophie. Es kann gar keinem Zweifel unterliegen, daß Kants Doktrin von der Freiheit und der Autonomie — eventuell nicht in allen einzelnen Begründungen, wohl aber in ihrem Kern — auch dann aufrecht zuhalten ist, wenn man Baumgardts Polemik gegen das Verhältnis von Form und Inhalt in der Kantischen Ethik voll und ganz unterschreibt; allein es ist hier nicht der Ort, um das nachzuweisen. Uneingeschränkter darf nun wieder das Lob sein, welches dem zweiten Teil von Baumgardts Darlegungen zu zollen ist. Dieser Teil ist den zur Zeit Kants lebenden Gegnern des ethischen Rationalismus gewidmet, nämlich Herder, Hemsterhuis und F. H. Jacobi. Mit ebenso großer Liebe wie Sorgfalt geht Baumgardt den vielfach verschlungenen Pfaden der Entwicklung dieser nur wenig systematischen und dennoch in ihren sachlichen Motiven teilweise bedeutenden und in ihrer Wirkung wichtigen Philosophen nach. Er zeigt, wie sie den Trieb und das Gefühl dem Verstand, die Intuition dem Denken, das Individuelle dem Gesetzlichen gegenüberstellen, und erörtert, wie auch schon bei der Betrachtung Kants, überall die Beziehung zu anderen, bisweilen zu den heute aktuellsten Denkern. Diese Stellen sind vielfach recht fruchtbar und auch notwendig, weil Baumgardt ja die von ihm gewürdigten Philosophen als Vorläufer der modernen Ethik zu würdigen unternimmt. Im Hinblick auf dieses Ziel, die Quellen der gegenwärtigen Moralphilosophie sichtbar werden zu lassen, ist Baumgardts Buch als der Anfang eines groß angelegten Werkes anzusprechen. Es ist innig zu wünschen, daß es Baumgardt beschieden sein möge, sein großes Werk zum Abschluß zu bringen. Kurt Sternberg 424

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