Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 8 (November 1935)
- Article
- Schocken-Almanach auf das Jahr 5696 [Rezension]
- Date
- 1935-11-01
- Page
- 372 (sequence 1)
- Language
- German
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Schocken-Almanach auf das Jahr 5696 Indem der Schocken Verlag — dem üblichen Sinn eines Almanachs gemäß — einen Überblick über seine Produktion gibt, gibt er zugleich ein erschöpfendes, ein ergreifendes Bild des wieder und noch lebendigen jüdischen Schrifttums. Das Besondere des Verlags tritt deutlich an diesem Almanach hervor. Die verlegerischen Gesichtspunkte treten zurück vor seinen kulturpädagogischen Absichten: durch Deutung von Werk und Geschichte zu lehren, zu erziehen und — zu trösten. Der Almanach erstrebt und verwirklicht eine tiefe und legitime Zeitgemäßheit. (So erscheint mir eine „Forderung des Tages" erfüllt mit der Arbeit von Fritz B a e r über Galut. Indem die historische Kontinuität des jüdischen Schicksals aufgewiesen wird, tritt das Schicksalhafte heraus, und. eine Klärung des allgemeinen Bewußtseins wird möglich.) Der Almanach vermittelt ein Gesamtbild des jüdischen Volkes, das der einzige hier zu Wort kommende Nichtjude, G ö r r e s, geprägt hat mit dem schönen Wort von „dieser mystischen vollblutigen Ader, die mitten durch seine sonstige Herbe und Halsstarrigkeit hindurch geht". Diesen tiefen Begriff von jüdischem Wesen illustriert am reinsten die im Mittelpunkt des Almanachs stehende Erzählung A g n o n s: „Eines Menschen Herz". Agnon lebt in Palästina, und nicht zufällig ist neben der hebräischen aus östlichen Traditionen erwachsenen Prosa auch die neue Lyrik von Ludwig Strauß — ob zwar deutscher Sprache und deutscher Kultur ganz und gar verpflichtet — auf palästinensischem Boden geboren. Ein drittes und wieder anderes Dokument der werdenden Kultur im jüdischen Land ist die Rede Bialiks: „Die Erneuerung der hebräischen Sprache" (von Ernst Simon übertragen). Ihr Reiz liegt in ihrer Verwurzelung in den Sprachtheorien des europäischen Humanismus. Dennoch bewähren sich neben dem wachsenden Neuen die kultivierten und geistreichen „Beobachtungen und Einfälle" von J. B e r - n a y s (ausgewählt von Hans Bach), weltliche Lebensweisheiten eines nicht in jüdischen, sondern in rein europäischen Kategorien denkenden Juden der Emanzipationszeit. Eine abschließende Betrachtung über den jüdischen Kalender ist ein Musterbeispiel, wie über das, was jeder wissen möchte, sachlich informiert werden kann, einfach und ohne falsche Popularität. Aus dem vertrauten Chor der Baeck, Buber, Glatzer, Rosenzweig, Ernst Simon, Wolfskehl, deren geisteswissenschaftliche und lebensphilosophische Abhandlungen und Briefe mit Übersetzungen aus der älteren hebräischen Literatur abwechseln, tönt besonders hell eine neue, nicht so gewichtige aber herzerfrischende barocke Stimme. Mosche Porges aus dem Prag von 1650 gibt naiv und anschaulich lebenstüchtige Auskunft über seine Reise nach Palästina. Man lese sich seinen kulturhistorisch sehr reizvollen gereimten Bericht laut vor. Wie denn von diesem schönen Almanach überhaupt zu sagen ist, daß er nicht zum Durchblättern, sondern zum andächtigen und eindringlichen Vorlesen Seite für Seite reizt. Susi Bing 372