Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-11-01 · Heft 8 (November 1935) · p. 366

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 8 (November 1935)
Article
Heinrich Graetz und Theodor Mommsen
Date
1935-11-01
Page
366 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895547-2905448--08380-2905511
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

Michael Fraenkel: Heinrich Graetz und Theodor Mommsen Das zeitgenössische Judentum schien zunächst aus Momrasens Broschüre nur das Ja herausgehört zu haben. Jetzt erst wird ein Brief bekannt, der zeigt, daß auch damals einzelne Juden erkannten, wie wenig sich im Grunde Mommsens Meinung von derTreitschkes in der Forderung nach Aufgabe jeder jüdischen Eigenart unterschied: Heinrich Graetz wandte sich an seinen früheren Kollegen am Jüdisch-Theologischen Seminar Jacob Bernays in Bonn, dessen enge freundschaftliche und wissenschaftliche Beziehungen mit Mommsen er kannte, um ihn zu einer Einwirkung auf Mommsen zu veranlassen: Breslau den 15. December 1880 Sehr geehrter Herr College und Freund! Mommsens Broschüre werden Sie wohl ebenfalls vollständig gelesen haben. Er behandelt uns Juden darin sehr gnädig, aber um welchen Preis! Wir sollen uns mit der Christenheit vollständig verschmelzen. Dieser Bewunderer der Staatsstreiche scheint kein Gefühl für die Immoralität zu haben, die darin liegt, die Lüge eines Glaubensbekenntnisses, das man vielleicht gar verabscheut, öffentlich auszusprechen. Nun, das Judenthum wird von diesem Hauche ebenso wenig erschüttert werden, wie von den Stürmen, die es bereits erduldet hat. Aber ein ernstes Wort muß doch wohl dagegen gesprochen werden, damit nicht Oberflächliche, von Mommsens Autorität geblendet, das Judenthum zu den Todten werfen. Ihr Wort, als außerhalb der Theologie stehend und mit Mommsens Kreisen befreundet, wäre von großem Gewicht. Es ist Ihre Pflicht, Ihrem Freunde klar zu machen, daß man eine vieltausendjährige Religion nicht so cavalierement abthut. Hoffentlich geht es Ihnen gut und die Judenhetze hat Sie nicht zu sehr aufgeregt. Mit bestem Gruß Ihr Graetz. Eine Antwort von Jacob Bernays hat sich bisher nicht gefunden, ebensowenig ein Brief an Mommsen, in dem er der Anregung gefolgt wäre: ein solcher Brief hätte bei Mommsens klarer Stellung auch schwerlich irgendeine Änderung herbeiführen können. 366

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.