Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 6-7 (September 1935)
- Article
- Die Kugel
- Date
- 1935-09-01
- Page
- 320 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Kugel Die Kugel rollt, — ob als Erdball oder als Kreislauf des Lebens, sie rotiert. Anfang wird Ende und Ende wird Anfang, — rundum. Sie ist Wiedergabe des Schöpfungsgedankens in greifbarer Form. Daß für ewig nichts bleibt und auf ewig nichts geht, heißt „Ewigkeit"! Morgen wird Heute, Heute wird Gestern. Rundherum. Auf und ab. Vom Erblühen zum Vergehen, vom Vergehen zum Werde. Auf und ab. In der Knospe harrt die Reife, in der Reife der Tod. — Und hinter dem vereisenden Winter wartet ein verjüngender Frühling. So wie die Nächte den Tagen folgen und den Tagen die Nächte entfliehen, folgt auch das Leid der lachenden Freude, um der erlösenden Wehmut zu weichen. Rundum. Die Kugel rollt, — Symbol der Bewegung. Du bist, was du warst, — was du bist, wirst du sein. Denn die Höhe führt zur Tiefe, und die Tiefe weist zur Höhe. AlleTore, die sich schließen, mußten einst geöffnet sein. Alle Pforten, die sich öffnen, waren einst verschloßne Pforten. Alles naht uns und entgleitet, — was noch wuchs, sinkt schon zusammen, das Gesunk'ne wächst zur Größe in der kreisenden Bewegung. Aus der Hoffnung wird Enttäuschung, aus Enttäuschung wird Verzweiflung, aus Verzweiflung wird Entsagung, und Entsagung bringt — die Ruhe. Aus der Ruhe sprüht ein Fünkchen, klein und zaghaft, leuchtend wachsend, wächst zum Funken neuen Glaubens, wird zur Glaubens- Feuersäule. Rundum rollt und rollt die Kugel. Hertha Rosenfeld Hawa Naschira (Auf! Laßt uns singen!) Liederbuch, herausgegeben <o. Dr. Jos. Jäkobsen u. Erw. Jospeyerlag Anton J. Benjamin, Leipzig 1935 Früher blieb ein Liederbuch auf den Kreis beschränkt, an den es sich wandte. Heute dringt es darüber hinaus. Erstens wirkt es auch dort, wo es wirken will, ungleich stärker; Lieder sind für bündische Jugend (und organisiert sind doch so viele junge Menschen) besondere gemeinschaftsbildende und -erhaltende Erlebnisquellen. Das literarische Buch, das die Einsamkeit des Einzelnen braucht, um zu einer Gesamtheit zu sprechen, hat dadurch an Boden verloren. Zweitens ist all das, was die neue Generation angeht, auch für die Älteren lebenswichtiger und ergreifender geworden: die Jungen sind viel mehr Erneuerungsreservoir in politischer und psychischer Hinsicht denn je. Nur so erklärt sich die starke Beachtung von „Hawa naschira" bei Presse und Publikum, die andere Liederbücher früher nicht in dem Maße gefunden haben und finden konnten. „Hawa naschira" ist auf die Bedürfnisse aller jüdischen Bünde und der ganzen jüdischen Jugend (in Schule und Haus) in Deutschland zugeschnitten. Es enthält (am meisten) hebräische Lieder, dann auch deutsche und jiddische. Die Auswahl ist vorzüglich; der künstlerische Maßstab war allein maßgebend. Man findet im wesentlichen nur Wertvolles, durchweg Lebendiges und Anregendes. Unter den hebräischen Liedern begegnet man allen möglichen europäischen Stilen, vor allem bei den üblichen aschkenasischen Synagogalmelodien. Unter de- 320