Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 5 (August 1935)
- Article
- Laienbetrachtung über Wettervorhersage
- Date
- 1935-08-01
- Page
- 238 (sequence 2)
- Language
- German
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amtlichen Voraussagen oder hört sie am Lautsprecher ab. Den meisten Menschen genügt es zu wissen, wie diese Mitteilungen lauten. Sie richten sich freilich nur selten danach und auf keinen Fall dann, wenn die wirkliche Witterung der Voraussage nicht entspricht. Da sollte eine dunkle Wolkenwand ganz bestimmt — ich glaube, man nennt sowas ein „Tief" oder, mit einem Fremdwort, Depression — durch ein Hoch, also schönes Wetter abgelöst werden. Aber die Wolke richtet sich nicht nach der Ansage, sie bleibt und blitzt. Dann auf einmal ist sie fort. Und ebenso umgekehrt. Früher glaubte man, es sei möglich, Wetter zu machen. Es mag noch heute irgendwo im Innern ferner Erdteile Volksstämme geben, deren Medizinmänner Blitz und Donner und Regen versprechen oder androhen. Manchmal traf die Voraussage ein, dann war das Ansehen der Medizinmänner gefestigt, manchmal geschah das Gegenteil, dann war es, wie in jener chassidischen Legende, wenigstens der „Kuk" des Rabbi, der bewundert werden konnte. Eine bedeutende Rolle spielt der sogenannte Hundertjährige Kalender. Es gibt Leute, die auf ihn schwören. Weil es vor 100 Jahren so heiß oder so kalt gewesen ist, muß es unbedingt auch nach 100 Jahren so werden. So warten diese Menschen auf Regen, obwohl sie froh sein sollten, daß die Sonne scheint, oder sie sehen es durch dickstes Gewölk hell schimmern, weil eben gerade hundert Jahre um sind. Vor allem sind die Menschen in ihren Reisedispositionen von der Wetterlage beeinflußt, so sagen sie wenigstens. Aber was nützt das schönste „Hoch" über den Bergen, wenn ich nicht reisen kann, weil die Mittel fehlen oder der Beruf mich mit einem endlosen Tief bei der Arbeit hält? Wer ein wenig Lebenskünstler ist, der macht sich sein Wetter in gewissem Umfange selber. Wen hat man, wenn er von einer langen und 238 kostspieligen Erholungsreise heimkehrt — es sei denn, es handle sich um einen unüberzeugbaren Pessimisten —, erzählen hören, er habe schlechtes Wetter gehabt? Er wollte was für sein Geld haben, und da zählten die wenigen Sonnentage um ein Vielfaches mehr als die vielen Regenstunden. Eine besonders „sympathische" Abart der Pessimisten freut sich gar, wenn dem Verreisten oder dem Daheimgebliebenen die Zeit verregnet ist. Wenn man es so recht überlegt, wäre es gar nicht gut, zutreffende Wettervoraussagen machen zu können. Die Härte, die der Mensch für sein Dasein in unberechenbarer Natur braucht, kann er nur gewinnen, wenn er innerlich auf Überraschungen gefaßt ist und lernt, imWesenskern er selbst zu bleiben, ob er nun — pardon — schwitzt oder fröstelt oder einregnet. Kann er während eines Unwetters oder bei glühender Sonne unter ein schützendes Dach treten: gut. Muß er inmitten der Unbilden seine Pflicht erfüllen, dann heißt es zeigen, ob man abgehärtet oder verweichlicht ist. Mir ist nicht gegenwärtig, ob unser jüdisches Brauchtum einen Segensspruch für schönes Wetter kennt. Aber ich weiß von meinem Vater seit dem ersten Gewitter, das uns auf einem Spaziergange überraschte, daß wir beim Anblick des Blitzes einen Segensspruch sagen sollen. Das ist nun keine Wettervoraussage mehr, sondern Ausdruck des Glaubens, daß das Wetter nicht von den Ansagern, sondern von einer höheren Instanz gemacht wird, in deren Hand es liegt, ob es einschlägt oder nicht. Es sei deshalb der Vorschlag gestattet, uns nicht zu sehr von dem Wetter abhängig zu machen, das i s t oder das wir wünschen, sondern uns zu freuen, wenn wir beim Aufschauen die vertraute Umgebung in Helligkeit vor uns sehen, und uns zu gedulden, wenn sie uns noch warten läßt. Es bekommt der Arbeit und der Erholung. Hg.