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Der Morgen · 1935-07-01 · Heft 4 (Juli 1935) · p. 148

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Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 4 (Juli 1935)
Article
Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft
Date
1935-07-01
Page
148 (sequence 1)
Language
German
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Ignaz May bäum: Das Ringen des deutschen Judentums um jüdische Gemeinschaft Der Fehler des Judentums, das seine Organisationsform in der Neuzeit als Gemeinde bezeichnete, bestand darin, daß dabei nicht Esra das Vorbild war, sondern in Wahrheit Luthers „unsichtbare Kirche der glaubenden Seelen". Aus dieser protestantischen Frühgeschichte des modernen Judentums ergibt sich Richtigkeit und Falschheit des Herzlichen Rufes „Wir sind ein Volk!". Zunächst bedeutet dieser Ruf: Wir sind nicht tot, Israel lebt. Vor dem modernen Juden, der sich im 19. Jahrhundert nur als Beter, als Glaubender und als Wahrer des Brauchtums jüdisch gerechtfertigt sah, tat sich das Tor der Geschichte auf. Gott, der Herr der Geschichte, wurde wieder (sichtbar. Hier, in diesem Vorstoß gegen die die Religion in der Sphäre des Privaten einsperrende Spiritualität, liegt die große Bedeutung des Herzlichen Weckrufes. Dem Geist wurde die Welt zurückgegeben. Nicht nur Andachtsstätte und Haus, auch die Weltgeschichte war der Raum, wo der Jude seine Erwählung begreifen sollte. In dieser Horizonterweiterung liegt das historische Verdienst Herzls. Dieses Verdienst kommt allerdings nicht zur Geltung, wenn man Herzl nur von der Ideologie seiner Zeit, von seinem Nationalliberalismus her begreift. Der heutige Herzl-Zionismus verdeckt die Größe Herzls. Man sieht nicht mehr die eigentliche Bedeutung dieses Weckrufes „Wir sind ein Volk", sondern nur noch die antiliberale Ideologie, die die Begriffe der Nation und des Volkes auf die jüdische Situation überträgt, wobei dem 19. Jahrhundert mehr Genüge getan wird als der jüdischen Wirklichkeit. Denn in diesem Wort „Wir sind ein Volk" entstand in dem an Utopien reichen 19. Jahrhundert eine neue Utopie. Das normalisierte, dem Gefahrenbereich der Welt entrückte, wirtschaftschaftlich, geistig und herrschaftlich autarke jüdische Volk ist eine Utopie, und zwar eine von denen, die nicht Geschichte schaffen, sondern Geschichte auflösen. Wir sind ein Volk. Daran ist nicht zu rütteln. Aber: wir sind das jüdische Volk. Der Ruf 148

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