Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 4 (Juli 1935)
- Article
- Der jüdische Dichter deutscher Zunge
- Date
- 1935-07-01
- Page
- 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der jüdische Dichter deutscher Zunge Diese Binsenwahrheit muß heute wieder ausgesprochen werden. Was aber macht dann ein Schriftwerk zu einem jüdischen? Nicht allein das Thema! Vielmehr die Art und Weise, w i e die Dinge gesehen, beschrieben und gewertet werden. Jakob Wassermann zum Beispiel ist in seinen „Juden von Zirndorf" nicht jüdischer als in seinem „Fall Maurizius", ebenso wie Schillers „Teil" nicht deutscher ist als „Don Carlos" oder die „Jungfrau von Orleans". Die deutsch-jüdische Presse aber und die jüdischen Verleger Deutschlands verfallen in den Fehler, nur mehr das verlegen und dem Publikum präsentieren zu wollen, was dem Thema nach jüdisch ist. (Die Gesamtausgabe der Werke Franz Kafkas ist die einzige nennenswerte Ausnahme der letzten zwei Jahre.) Wir verkennen nicht die Notwendigkeit, die deutschen Juden über das Judentum zu belehren, aber es soll statt in belletristischer Form in ernster, arbeitheischender, wissenschaftlicher. Weise geschehen! Das schließt den jüdischen Roman, die jüdische Novelle keineswegs aus, aber — nochmals sei es gesagt — oberstes Gesetz muß in der Kunst die Form bleiben. Und Dichtung ist eben Kunst, vielleicht diejenige Form, die gerade bei uns Juden die stärkste Breiten- und Tiefenwirkung hat. Dies erkennen, heißt einen neuen Weg suchen für unser deutsch-jüdisches Schrifttum. Dichtung (wie Kultur überhaupt) wird zwar nicht gemacht, sondern wächst, fast möchte man sagen, unbewußt. Dennoch können wir sehen, daß alle große Dichtung in einem sehr subtilen Sinne politisch ist. Namen wie Hölderlin, Kleist und Stefan George im deutschen Raum, wie Jehuda Halevi, Bialik und Agnon in der hebräischen Literatur verdeutlichen das, was ich unter dem Politischen in der Dichtung verstehe. In diesem Sinne muß auch unsere zeitgenössische deutsch-jüdische Dichtung aus der Zeit heraus zu den ewigen Problemen der Menschenseele vorstoßen. Was uns fehlt, ist die große künstlerische Gestaltung unseres inneren Umbruchs. Aber eine derartige Dichtung dürfte nicht hängen bleiben am äußeren Geschehen, sich nicht verlieren in Milieu-Schilderungen, sondern müßte eben zur Gestaltung der ewigen, zeitlosen Aktualitäten: Liebe, Haß und Tod vordringen, um so legitimiert und gültig zu sein, jenseits der Aktualität dieses Tages. Jüdisch gebunden keine Ghettoliteratur (die furchtbar am geistigen Horizont des deutschen Judentums droht) zu machen, das ist Aufgabe und Ziel der Schreibenden in dieser Zeit und in diesem Land. Ben-Chorin 147