Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Auswechselbare Gesinnung
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 142 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Auswediselbare Gesinnung Die Schriftleitung jüdischer Zeitschriften ist meistens eine ernsthafte Sache; aber nicht immer. Einen der komischen Fälle — mit leider ernsthaftem Hintergrund — wollen wir dem Papierkorb entreißen. Es handelt sich um ein Gedicht mit dem sinnigen Titel „Stiefmütterchen". Es beginnt: „Stiefmütterchen leuchtet am Gartenzaun Lila und weiß, Goldlack erhebt seine Blüten braun Samtweich und Ieis'." So geht es noch einige Strophen fort. Den Schluß des Briefes lassen wir wörtlich folgen: „Folgende letzte Strophe kann angefügt werden: Stiefmütterchen Israel sei nicht bang Nach Gottes Hand! Sag, auserwählt, Deinem Schöpfer Dank In jedem Land. Anstatt ,In jedem Land' kann es am Schluß eventuell ,1m heil'gen Land' oder ,1m eignen Land4 heißen, eventuell auch ,1m deutschen Land'." Laßt Blumen sprechen ... Glücklicherweise ist der Fall vereinzelt. Adolphe Cremieux In der ehemaligen französischen Provinz Dauphine liegt die Stadt Cremieu, die im Mittelalter eine ansehnliche jüdische Gemeinde beherbergte. Vom jüdischen Viertel hat sich bis heute noch eine Gasse (die Juiverie) erhalten. Der häufig vorkommende Familienname Cremieu oder Cremieux zeugt von der Verbreitung der aus Cremieu stammenden Juden. Träger dieses Namens treten als Gesetzeslehrer, Schriftsteller, Gelehrte und Politiker auf. Der bedeutendste unter ihnen dürfte Isaac Adolphe Cremieux gewesen sein, Politiker und Staatsmann, zugleich eine jüdische Führerpersönlichkeit von großem Format, in der jüdischen Welt fast noch mehr anerkannt und verehrt als in Frankreich selbst. Eine Biographie, die alle Seiten des Wirkens Cremieux' umfaßt — in der Advokatur, im Parlament und Justizministerium, im Zentralkonsistorium der französischen Juden und in der Alliance Israelite Universelle, als Vorkämpfer für die Rechte der Juden, als Förderer von Literatur und Kunst — hatte es bisher nicht gegeben. Ein neues zweibändiges Werk von S. P o s e n e r füllt nun diese Lücke (Adolphe Cremieux, 1796—18S0, Paris 1933, Librairie Felix Aican). Cremieux war ein Kind des „Midi", dem Frankreich so manches große politisch-rednerische Talent verdankt. „Er war", wie Silvain Levi in dem Vorwort zur Biographie sagt, „eine der ersten und glänzendsten Erscheinungen des Anwaltes und Politikers zugleich, wie der Süden Frankreichs sie nachher in einer ganzen Serie lieferte, Persönlichkeiten, die im Roman und auf der Bühne so oft dargestellt werden. Man ist geneigt, hinsichtlich Cremieux' den berühmten Satz von. Alphonse Daudet zu wiederholen: „Die 142