Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 3 (Juni 1935)
- Article
- Schnabels "Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert" [Rezension]
- Date
- 1935-06-01
- Page
- 141 (sequence 2)
- Language
- German
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dagegen eben erst von einem maßgebenden Londoner Organ nachgerühmt worden, er ermögliche es gerade dem Engländer, das Wesen der deutschen Entwicklung zu verstehen. Ob der Aufbau der Schnabeischen Deutschen Geschichte in allen Einzelheiten geglückt ist, sei heute noch nicht entschieden; erst wenn der abschließende vierte Band vorliegt, wird man Endgültiges darüber sagen können. Immerhin ist der erste Band, der die geistigen und politischen Grundlagen gibt, verhältnismäßig zu breit geraten; andererseits würden wir in Schnabels Betrachtungen z. B. über den Neuhumanismus, die Romantik und Wilhelm von Humboldt ungern auch nur eine Zeile missen. Der zweite Band, der den Untertitel „Monarchie und Volkssouveränität" trägt, bringt vor allem eine tiefdringende Auseinandersetzung mit Wesen und Methoden des Liberalismus; eine Fülle ausgezeichneter historischer Querschnitte belebt die Erörterung. Im dritten Band werden die Verdienste des Bürgertums um Erfahrungswissenschaften und Technik umrissen. Hier darf der große Abschnitt, der den historischen Disziplinen und der Sonderstellung der deutschen Universitäten gilt, als Glanzleistung hervorgehoben werden; wie fein ist etwa die Porträtskizze Rankes gelungen! Mit gleicher Gründlichkeit und — was viel besagen will — Anschaulichkeit schildert Schnabel die ihm im Grunde fernliegenden Fortschritte der Naturwissenschaften und der Technik; er gibt schließlich einen fesselnden wirtschaftsgeschichtlichen Überblick. Soweit wären wir einverstanden. . Sobald wir aber anfangen, in dem Buch nach Darlegungen über deutsch-jüdische Probleme zu suchen, fühlen wir uns recht enttäuscht. Schon im ersten Band vermissen wir grundlegende Betrachtungen zur Emanzipation von 1812. Im zweiten und dritten Band ist von jüdischen Gestalten und Entwicklungen erst recht kaum die Rede. Die Rolle, die das Judentum bei der Entfaltung des deutschen Bürgertums gespielt hat, wird nicht genügend sichtbar. Dann und wann einige Worte oder Sätze über Börne und Heine, über Koreff, Stahl und Gans, — das ist eine etwas magere Ausbeute, besonders wenn man bedenkt, wie eingehend Schnabel selbst die Homöopathie und die Anfänge der Feinmechanik erörtert; Namen wie Gabriel Rießer und Felix Mendelssohn, vor denen sogar Treitschke den Hut zieht, fehlen im Register vollkommen. Lediglich der Aufstieg des Hauses Rothschild wird so ausführlich behandelt, wie es den Proportionen des Gesamtwerks entspricht. Wir bedauern diese Zurückstellung der deutsch-jüdischen Fragen um so mehr, als sich schon aus Schnabels Andeutungen ergibt, daß ihm Treitschkes betonter Antisemitismus nicht liegt. Trotz dieser teilweisen Enttäuschung wünschen wir dem Werk einen aufmerksamen und dankbaren Leserkreis. Möge vor allem die Erkenntnis Schnabels Gemeingut werden: „Das deutsche Volk wird die große Überlieferung des deutschen Staates und des deutschen Geistes auch in dem neuen Leben, das es sich im 20. Jahrhundert aufbauen muß, nicht verleugnen wollen; die echten Werte der Vergangenheit können vorübergehend verdunkelt, niemals vernichtet werden." F. H. 141