Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- Vom Umgang mit Büchern
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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reichverzierten, mit geschliffenen Scheiben versehenen und womöglich von einem Dantekopf gekrönten Bücherschränke, deren Türen immer verschlossen sind, wo dickleibige Lexikabände den Herantretenden öde anstarren und die ledernen Klassiker sich gegenseitig angähnen. Das Bücherverleihen spielte bei den Juden immer eine große Rolle. Im „Buch der Frommen", einer mittelalterlichen Sittenlehre, sind ausführliche Anweisungen über das Abschreiben, das Halten und Verleihen von Büchern enthalten (abgesehen von den religiösen Vorschriften über die bestimmte Ordnung desAbschreibens, Aufbewahrens, Verkauf ens etc.). Fromme Arme erbaten sich Geld, um Abschriften anfertigen zu lassen. Auch Frauen werden — nicht ohne pädagogische Absicht — in dieser Hinsicht erwähnt; so z. B. eine, die sich von ihrem Mann statt eines Mantels Geld zum Bücherkauf schenken ließ. Der wirkliche Gebrauch des Buches war beim Verkauf oder Verleihen immer das Wichtigste. Federn, Feilen oder Nadeln, die man zum Schreiben, Glätten oder Heften der Bücher gebraucht hatte, sollte man zu nichts anderem mehr verwenden; Münzen oder Rechnungen durfte man nicht in Büchern aufheben, wobei es sich natürlich immer um heilige Schriften handelte. Etwas von dieser nahen Beziehung zum Buch und von dieser Wertschätzung ist wohl auch heute den Juden noch eigentümlich. Eine Kunst für sich ist das Sammeln von Büchern; geübte Augen und Fingerspitzen gehören dazu, und eine eigenartige Jagdlust fesselt die Menschen an jene Keller, Wagen und Stände, wo das alte, oftverkaufte, verwahrloste und heimatlose Buch zu finden ist. Der Staub der Straße und die Spuren der Zeit decken den Abfall wie die Perle, die auf den Finder wartet Es braucht ja keine „schöne" Ausgabe zu sein: die ersten sind meist die besten. Aber die gleichgültigsten können plötzlich einen ganz persönlichen Reiz gewinnen, wenn eine kluge Hand sie mit Randbemerkungen versah, wenn ein alter Besitzervermerk lockt, mit den Augen jenes berühmten Lesers zu lesen. Gundolf, der nicht nur eine herrliche Bibliothek, sondern auch das echte Büchergefühl hatte, holte sich mit einem geheimen Rattenfängergriff aus allen Städten Europas seine Bücher zusammen, und wenn ihm ein besonders unerwarteter Fund gelang — etwa der erste Band derselben Auflage zu einem schon jahrelang vorhandenen zweiten —, sagte er, ich glaube, die Bücher finden von selbst zu mir*.. . „Bücher sind Dinge", sagt Milton in seiner von hallendem Pathos erfüllten Areopagitica, und er fügt hinzu: „who kills a man, kills a reasonable creature, Gods image; but he who destroys a good book, kills reason itself, kills the image of God, as it were in the eye". Bücher- und Menschenschicksale haben oft Ähnlichkeit; doch zu verbesserten Auflagen bringen wir es jedenfalls selten, und vielleicht ist das auch der Grund, weshalb wir jenes Lebendige und, trotz allem Schwarzauf-weiß-Festgelegtsein, so Wandelbare, das das Wesen des Buches ausmacht, lieben und es mit jenen tiefen Atemzügen, die das Lesen vieler Menschen begleiten, in uns hineinholend uns wirklich zu eigen zu machen versuchen. Hilde Cohn 94