Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 91

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
Die neue Philo-Bücherei [Rezension]
Date
1935-05-01
Page
91 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895539-2895542-2904940--07980-2905007
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Die neue Philo~Bücherei Die freundliche und sorgsame Ausstattung, die der Philo Verlag seiner neuen Bücherreihe hat zuteil werden lassen, wirkt wie ein liebevoll gedeckter Tisch: appetitanregend. Sinsheim e r s „Rabbi, Golem und Kaiser" gipfelt in der Audienz, die der Hohe Rabbi Low, der Schöpfer des Golem, am 22. Februar 1592 bei Rudolf II. im Prager Hradschin hatte. Zwei Mächtige begegnen sich; der Träger der Kaiserkrone, erst vierzigjährig, doch nach einem wilden Leben schon in Geist und Gemüt sich verdunkelnd, allen schwarzen Künsten zugeneigt, aber tolerant gegen Protestanten und Juden, und der Rabbi, achtzigjährig, im Licht seiner Lehre wandelnd, am Lebensende ganz verklärt und hell. So stehen sie einander gegenüber, so formt sich ein Gespräch über gefährliche Untiefen weg zu freundlicher Trennung. Wenn man zum zweiten der Bändchen greift,zu Leo Hirschs „Gespräch im Nebel", und den Untertitel findet: „Leibniz besucht Spinoza", so stutzt man vor der Analogie: auch hier die Begegnung zweier Großer! Zwei lebende jüdische Künstler haben sich die gleiche Aufgabe gestellt. Die Lösung muß Wesentliches über die Autoren aussagen. Hirsch exponiert nur mit drei Zitaten von Hermann Cohen, Buber und Landauer, kaum fünfzig Zeilen später steht der Weltmann, dereinstige Freiherrr Leibniz, der Erfinder der Differentialrechnung wie der „prästabilierten Harmonie", vor Baruch Spinoza, dem Linsenschleifer, dem vom großen Bann der Synagoge getroffenen Philosophen. Aber während Sinsheimer Augenmensch ist, der von der inneren Vision kommt und so den Leser auch zur Vision, zum Bilde führt, scharf, fast hart zeichnend, aber in weichen Farben malend, ist Hirsch Dramatiker, dem die Dynamik der Situation, die innere Spannung alles ist. Ganz knappe Andeutungen über das Äußerliche und dann ein Gespräch, voll Mißtrauen begonnen, aber doch mit demWunsch, den Partner zu kaptivieren, schließlich, am spannungsreichsten: Leibniz alleingelassen mit dem Manuskript von Spinozas Ethik, die er in wenigen Stunden verschlingt, verarbeitet, in seine Sprache übersetzt. Zwei Begegnungen, durch zwei sehr verschiedene Temperamente erfaßt und vermittelt, gemeinsam beiden der Sieg der reinen Idee, verkörpert in der höheren Menschlichkeit; gemeinsam beiden auch die Lebendigkeit der Übertragung ins Aktuelle. Das dritte Bändchen bringt eiHe Erzählung von Max Samter: „Der Gast". Aus kleinstem Ausschnitt entwickeln sich die beiden so eng verwandten Probleme vom Volk ohne Raum und den Fremden, die unter ihm weilen. Ohne jede gewaltsame Allegorisierung, auf Wegen, die eine hohe Kunst und Kultur der Erzählungsform scheinbar mühelos ebnet, wird der Leser, fast überrascht, aus einem Gestern zum Verstehen des Heute geführt. Dieser Beginn der Serie ist ein verheißungsvolles Versprechen. Den schwer ringenden jüdischen Erzählern der Gegenwart wird damit eine neue, wichtige Chance eröffnet Das Verschenken und Beschenktwerden mit den hübschen Bändchen wird gleich viel Freude bereiten. t.l. 91

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.