Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 11 (1935-1936)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1935)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1935-05-01
- Page
- 88 (sequence 2)
- Language
- German
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dem Schicksal eines wahrhaften sich Ausblutens ins dichterische Werk. Als dertragische Mensch der Grenze wird Rilke hier geschildert, der sich allem Seienden als ein leidenschaftlich Liebender, doch dabei in Stille und Andacht wartend preisgibt, der aber doch in all den Dingen, „denen ich gut und wie ein Bruder bin", keine letzte Zuflucht findet, sondern den ein metaphysisches Aufgerissensein zwingt, die Grenze des Kreatürlichen an ihrer gefährlichsten Stelle zu überschreiten und in einer vermessenen, an Nietzsche gemahnenden Gottschöpfung (im überreifen Spätwerk der „Duineser Elegien") die eigene, früher vor allem im „Stundenbuch" dargelegte demütig-mystische Haltung und damit seine gottgeborgene Existenz zu widerrufen. Die „gnadenlose Gnade" seiner Erwählung, ihre Unentrinnbarkeit, wird mit der Berufung Moses verglichen, der wie der dem Schönen verfallene Dichter die todbringende Nähe des Göttlichen an sich erfährt: „Und Moses stieg herab vom Berg, und er bedeckte sein Antlitz, als er zu den Kindern Israel redete von dem, was der Herr ihm aufgetragen. Also stark und tötend war das Licht auf seinem Angesicht. Aber in Feuer und Blitzen hatte der Herr gesprochen, der sich seines Volkes erbarmte. Durch Feuer und Rauch drang die Stimme, und die Stimme sprach menschliche Worte. Zu diesem brach, nachdem er gewartet, bis all sein Blut weiß wurde von der Angespanntheit solchen Wartens, ein Licht von übergroßer Gewalt und Herrlichkeit herein. Aber der Engel blieb stumm und ließ es geschehen, daß dieser im ringenden Aufblick verging, verblutete. .." Margot Riess Josef Hofmiller, Letzte Versuche. R. Oldenburg Verlag, München- Berlin 1934 Es gibt nicht viele Buchtitel, die wie dieser viel zu bescheiden sind. Denn diese Essays aus dem Nachlaß des besten deutschen Essayisten sind keine „Versuche", sondern Meisterwerke — entstanden zu Geburtstagen oder Jubiläen, auf rasche Telegramme von Zeitungsredaktionen, aber immer gleich frisch, kräftig und fein. Man muß einmal; wie in dem Stifterfragment, Notizen und Gedankensplitter dazu lesen, um zu merken, was an treffender Beobachtung und Tiefe des Ausdrucks in ihnen steckt. Dieser bayrische Schullehrer war einer der großen Meister deutscher Prosa, aber alles eher als ein Sprachvirtuose. Ein kritisches Gewissen deutschen Geistes gibt ihm den großen Zug. Er hat, wie Lessing, eine Vorliebe für „Rettungen", wenn er an Gestalten wie Viktor Hehn, Herman Grimm, die Ebner- Eschenbach erinnert oder dem russischen Epiker Ljesskow seinen Rang zuweist; Stifter, Keller, Ibsen, Wagner verlieren in seiner Darstellung den Firnis des „Klassischen", aber sie werden lebendiger und — bedeutender. Darum hat auch, was er über Lebende — Dehio, Hofmannsthal, Emil Strauß — sagt, keinen andern Ton als das „Historische". Er weiß zu loben, daß einem das Herz aufgeht. In jedem Satz ist immer der ganze Mensch: „zwanglos" (was er einmal an Hofmannsthal rühmt), heiter, geselüg, aber unmerklich über allem stehend, was er schreibt, und um so mehr bemüht, im kleinen wie im größten den Dingen und Menschen ihr wahres Gewicht zu lassen. Man sollte das lesen. H. B. 88