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Der Morgen · 1935-05-01 · Heft 2 (Mai 1935) · p. 73

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 2 (Mai 1935)
Article
An der Grenze
Date
1935-05-01
Page
73 (sequence 6)
Language
German
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An der Grenze Sie hatte keine Ruhe: „Er ist in den Zug Moskau—Berlin—Paris eingestiegen. Was soll ich tun, Markus? Ich fahr ihm nach, ich fahr ihm nach!" „Ja Rachel, aber wohin? Er hat sein Billet im Zug lösen müssen, sagst Du — Du kannst doch nicht die ganze Welt nach ihm absuchen? Was meinst Du, Rachel?" „Er wird sich doch, Markus, er wird sich doch, Gott behüte, nichts Böses antun?" „Hör, Rachele, er ist weggefahren, und das Kostgeld, das Du für ihn gespart hast, hat er mitgenommen. Da kann er doch nicht daran gedacht haben, sich was Böses anzutun, Gott behüte, verstehst Du?!" „Das Kostgeld ist weg?" — „Ja, es ist weg." „Markus, ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn der Junge sein Kostgeld — weg —" „Du sollst Deinen Mund nicht zum Bösen auftun, aber ich will Dir etwas verraten, was ich Dir verheimlicht habe. Es ist das einzige Geheimnis, das ich vor Dir gehabt habe, solange ich Dich kenne, wirklich und wahrhaftig, Rachel, der Junge ist — genug, der Junge ist kein jüdisch' Kind —" „Ich möchf ihm doch nachfahren, Markus, ich möcht' ihm doch nachfahren ..." Stumm ging der Kantor auf und ab. Die kleine, dickliche Frau Kiwi hatte ihren altmodischen Hut noch auf, als sie eine große, braune Reisetasche vom Boden holte und zu packen anfing, da sie fest entschlossen war, mit dem nächsten Zug zu fahren. Die Kinder, der Mann, seine Eltern sahen ihrer Geschäftigkeit wortlos und bedrückt zu, bis sich endlich der Jüngste, Maleachi, ein Herz faßte und fragte: „Warum willst Du denn von uns wegfahren?" Und als sie, statt ihrem Kinde zu antworten, nur weinte und weiter schluchzend vor sich hinflüsterte: „Ich möchf ihm nachfahren, Markus, ich möchf ihm nachfahren .. .", da ergriff die Großmutter Maleachi bei der Hand, zog ihn zu sich heran und sagte ihm ins Ohr: „Sieh mal, mein Kind, ihr seid zwölf und ihr habt noch, Gott sei Dank, eure Eltern. Aber Michel ist allein und hat keinen Vater und keine Mutter mehr. Und darum muß deine Mutter ihm nachfahren. Was ist denn?", wendete sie sich ärgerlich zum Großvater, der ihr auf den Arm klopfte. Offenbar wollte sie sich die Störung verbitten und fuhr ihn halblaut an: „Aber Morchen!" „Aber, Dorchen —" sagte der Großvater, und als sie ihn ansah, baten ihre Blicke ihm alles wieder ab, denn seine Augen waren voller Tränen. 73

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