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Der Morgen · 1935-04-01 · Heft 1 (April 1935) · p. 47

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
11 (1935-1936)
Issue
Heft 1 (April 1935)
Article
Ein jüdischer Raskolnikoff
Date
1935-04-01
Page
47 (sequence 1)
Language
German
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Ein judischer Raskolnikoff Dostojewskis „Raskolnikoff" löste in Rußland eine Stimmung aus, die nur mit der Selbstmord-Psychose nach Goethes „Werther" vergleichbar ist: Ladenjünglinge hielten sich für unerkannte Napoleons, kleine Begabungen für große Genies, die glaubten, sich außerhalb der gesellschaftlichen Moral stellen zu dürfen. Auch Abraham Urija Kowner traf dieses Schicksal. In einer jüdischen Familie in Wilna zur Welt gekommen, „wo die Leute einander um eines Stückchen Brotes willen verfluchen", flieht er aus der Bedrängnis des Ghettos in die Großstadt, in die Weite der weltlichen Literatur; lernt ein Mädchen kennen; ihre Mutter ist tuberkulös, die Geschwister sind halbverhungert — die dürftige Stellung in einer Bank reicht kaum für ihn allein. So fälscht er einen Wechsel, bestiehlt das reichste Bankinstitut Rußlands, für das die gefälschte Summe „kaum etwas ausmacht". Nur dies eine Mal will er stehlen, um zu helfen und sein Leben lang ein anständigen Mensch zu sein. Aus der Kerkerhaft schreibt Kowner an den, von dem er das endgültige Urteil über seine Tat erwartet, an — Dostojewski: „. . . ich bin überzeugt, daß die größten Psychologen unter den Romanschriftstellern, welche die wahrsten Typen des Lasters und der bösen Instinkte schaffen, alle ihre Handlungen, alle ihre Seelenregungen analysieren, in ihnen einen göttlichen Funken sehen, ihnen Mitgefühl entgegenbringen, an ihre Wiedergeburt glauben und wünschen, sie bis zum evangelischen „verlorenen Sohn" zu erheben; ich bin überzeugt, sage ich, daß diese großen Schriftsteller, wenn sie einem echten, lebendigen Verbrecher begegnen, der hinter Schloß und Riegel im Gefängnis sitzt, sich von ihm abwenden, wenn er sie um Hilfe, um Rat, um Trost anruft, auch dann, wenn er lange kein so verstockter Verbrecher ist, wie sie deren so viele in ihren künstlerischen Werken verzeichnen. Sie werden ihn voll Verwunderung ansehen und dabei in die größte Verlegenheit geraten . . ." Aber Dostojewski war größer als dieser Ruf. Obwohl von hundert Pflichten beansprucht, von Krankheit behindert, im Mittelpunkt des gesamtrussischen Interesses stehend, schreibt er an den unbekannten kleinen Juden im Gefängnis: „. . . über das nun einmal begangene Verbrechen äußern Sie sich so klar und (für mich wenigstens) so verständlich, daß ich, der ich Ihren Prozeß nicht ausführlich kannte, ihn heute zum mindesten ebenso betrachte, wie Sie ihn selbst beurteilen. . . . Ich will aus ganzer Seele glauben, daß Sie aufrichtig sind . . . Glauben Sie an die völlige Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen die mir gereichte Hand drücke. Erheben Sie sich jedoch im Geiste und formulieren Sie Ihr Ideal . . Diese Freisprechung stärkte Kowner so, daß er wieder Mut zu einer bürgerlichen Existenz gewann und darüber hinaus zu einem mutigen Streiter für die Rechte des russischen Judentums wurde. Vor 25 Jahren ist er gestorben. H. F. 47

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