Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- J. E. Poritzky
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 572 (sequence 2)
- Language
- German
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zin her, aber er wendet sich von der Untersuchung des Körpers der der — Seele zu. Irgend etwas bleibt dabei haften von der säuerlichen Luft des Anatomiesaals. Die tiefe und dauernde Freundschaft, die ihn mit Haeckel verbindet, wirft ein Licht auf diese Wesensseite. Und doch war der Anlaß der Bekanntschaft ein zunächst ganz phantastisch-romantischer: ein Besuch in Jena als Wanderbursch. Den „Vagabunden" will die standesbewußte Köchin nicht zum Gewaltigen vorlassen. Es wird so etwas wie ein Einbruch inszeniert, um zu dem Verehrten vorzudringen. Und das Vertrauen auf Haeckels Humor wird nicht enttäuscht. Dem Reiseeifer des wissensdurstigen Dichters gesellt sich aber der bohrende Wissenseifer, der Tage und mehr noch Nächte anfüllt Die Freie Bühne und das Deutsche Theater bringen einen neuen Aufschwung des Berliner Theaters und stellen damit auch die Kritik vor neue Aufgaben. Der Kritiker J. E. P. wird im Tageslärm beachtet, gehört. Allein verzehrt vom Bewußtsein des Schicksals, das die Jugend in ärmlicher Enge verdüstert hatte, sehnt er sich fort aus dem Hastgetriebe des Tages im Zeitungsviertel. Hatte sein Sehnen (als Ausgleich zur Schärfe des Zeitrichters) sich umgesetzt in die Schilderung erdichteter Gestalten und Träume in Erzählung, Novelle, Roman — nun reizt die geschichtliche große Persönlichkeit. Der Forscher wendet sich der Biographie zu; und nun erst, aus der Vereinigung von Forschung und Kritik, erwächst der Essaist großen Stiles, der ganze Epochen in ihrer „Persönlichkeit" schlaglichtscharf zu erhellen weiß: die Geschichte der spanischen Inquisition zum Beispiel. Die Meisterarbeit seines Lebensbildes des heiligen Augustin wird von der Wissenschaft und weit ins Ausland hinein anerkannt. Eine Tätigkeit als Regisseur am Karlsruher Hoftheater bringt nach dem Krieg den Kritiker in Berührung mit der Bühne jenseits der Rampe. Schließlich wieder freies Schaffen in Berlin: der wagemutige Sozialkritiker schreibt erschütternde Berichte aus der Nacht- und Elendwelt der Berliner AsyKsten. Sie entstammen eigenemAugenschein und gef ahrvollerVerkleidung als „Tippelbruder". Mehrmals wird der Unentwegte von der Heilsarmee aufgegriffen. Vielleicht überlasteten die Strapazen und die grauenvollen Eindrücke dieser düsteren Streife die Seele dieses heroischen Menschen. Vielleicht gaben sie den letzten Anstoß zu der Anfälligkeit, der der erschöpfte Körper nicht mehr standhielt. Heroisch, wie es gelebt hat, endete dies ungebeugt ernste Dasein, das nur zwei Pflichten kannte: Kultur und Wahrheit Doch sie verlangen letzte Hingabe. Wie einfühlend verstand der Dichter Rilke den Genossen schon zu Beginn der leidgetränkten Lebensbahn! „. . .ein Tagebuch. — So liegt von trüben Tagen Ein Nebelodem drüber tief undschwer. Das Leben ist so traurig und so leer: Es reicht nur vom „Wohin", das bang wir fragen, Bis zu dem ewig ehernen „Woher?"... Ein Stern verlosch, ein Tropfen sank ins Meer, Ein krankes Herz hat heimlich müd geschlagen, Und schließlich... „wird man keinen Kadosch sagen-"... (Rilke) R. P. Mainländer 572