Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- [Rezension] / F. A.
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 571 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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Meiner Augen Wunder. Nimm mich in Deinen Dienst, Zu Deinem Werk verwende mich! Nimm mich als Freund! Nimm mich als Knecht! In sich gekauert ist der Mensch — Geschöpf und so abhängig vom Schöpfer — und sucht nach dem Sinn des Geschehens um ihn. Das ist Ton und Inhalt von Heschels Gedichten, die oft in fast mystischer Schau zarteste Worte der Liebe finden, unberührt von der Problematik des westlichen Juden. Die Linie, die von dem Juden des Schulchan Aruch zu dem ungebrochenen Chassid und dann zu dem neuen Juden führt, dem sich die Welt erschließt, ist deutlich. Bewußtsein und Unbewußtsein sind eins geworden. Der Schem-hameforasch-Mensch ist der Mensch, der ständig unter dem Anruf lebt und in schwerstem Bemühen Antwort zu geben sucht. F. A. J. E. Poritzky Kurz vor dem Eintritt ins sechzigste Lebensjahr verstarb an einem Stoffwechselleiden, das jahrelang in dem früh zur Zähigkeit erzogenen Körper wühlte, der Schriftsteller und Dichter J. E. Poritzky. Der energisch vitale Mensch in ihm hatte schon wieder auf Genesung gehofft Und der bis zum Ende regsame Geist mag — trotz der unaufhaltsamen Melancholie, die ihn zeichnete — sich aufgebäumt haben gegen das unerbittlich Endgültige seines Schicksals. Des Schicksals, das diesem heroischen Leben zu treuestem Geleit gesellt war, als hoffnungsloser Kampf gegen Sinnlosigkeit und Widrigkeit im Umkreis des geistig Faßbaren überhaupt. Dem war in Poritzky ein furchtloser Kritiker erwacht, dem Unfaßbaren der Dichter der Synthese zwischen Phantastik und Realismus, ein heimlich glühender Romantiker. Die widrigen Dämonien seines eigenen persönlichen Erdenlaufs hat er mit unbestechlich klarem Blick gepackt ihr Weckruf riß die schöpferische Fruchtbarkeit seines Schrifttums auf: die brennende Lebensbeichte „Meine Hölle". Der dichterische Beginn waren Novellen: nachdenkliche Bilder aus der Atmosphäre der Anatomie, darin der Student ratlos herumstand; das Tagebuch „Keinen Kadosch wird man sagen", in dem der junge Himmelstürmer dem damals noch bürgerlich - sentimental zurückgebliebenen jüdischen Schrifttum eine belebende Dosis Naturalismus einzuimpfen versuchte. Es war ein schmales Reclambändchen mit dem bekannten rosa Dünnpapierumschlag. Rilke aber schickt dem Dichter als Anerkennung eines seiner ergreifendsten Gedichte — wie ein sprachlich gefaßtes Sinnbild seines ganzen späteren Lebens, intuitorisch vorgeahnt . . . * Der kulturkritische Wille des Schriftstellers schlug sich in der durchdringenden Einsicht, in der drängenden Fülle seiner Essays nieder. Sie trugen ihm den Ehrentitel des besten deutschen Essayisten ein. Einen Remy de Gourmond nannte ihn Hanns Heinz Ewers, — im Bereich der deutschen Sprache, und nicht nur der der Gegenwart. Dieses Schaffen reicht hinauf bis in die 90er Jahre. Es ist das Berlin jener seltsam scheinruhigen Tage, die Hardens „Zukunft" noch abendscheinhaft belichtete. In dieser schwülen Luft wächst der junge Adept der Feder auf. Er kommt von der Medi- 571