Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- Gedenkblatt für Julius Levin
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 570 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gott" (S. Fischer, 1919), eine tiefe Auseinandersetzung mit Gott aus jüdischer Glaubenskraft Mutet die Wirklichkeitsschilderung von Land und Leuten der Provinz Posen wie eine in den deutschen Ostraum übertragene Kunst der Alechem, Asch und Perez an, so wirkt Levins Gottsuchertum wie eine jüdische Spielart der Mystik seines Freundes Hermann Stehr, der den Geigenbauer Julius Levin und die Besessenheit, mit der er diesen Beruf ausübte, zum Vorbild seiner Geigenimachergestatten gewählt hat. Als „nicht weit von Stehr" wird dies feinsinnige Werk von dem besten Kopf unter den deutschen zeitgenössischen Kritikern gerühmt, der auch Levins Zurückgreifen auf sein „jüdisches Volkstum" in einer Zeit, da die Kräfte der deutschen Gaue sich meu zu regen begannen, begrüßt Seine letzte bedeutende Arbeit, über „Johann Sebastian Bach" (Volksverband der Bücherfreunde, Berlin 1930), steht dem wichtigen Bach-Buch des ihm an Universalität verwandten Albert Schweitzer nicht nach. Die einfachsten Dinge sind oft die wesentlichen für einen Menschen. Es ist symbolisch für diesen Schriftsteller, Arzt und Geigenbauer gewesen, daß er den Namen Julius Levin niemals unter einem Pseudonym versteckte und daß seine früheste Veröffentlichung (1912) ein Aufsatz über die Frage war, was der deutschen Kunst nottue. Er hat sie dahin beantwortet, daß der schöpferische Weltgeist und die Bereitschaft eines Volkes für die Kunst einander begegnen müßten. Lutz Weltmann Abraham Heschel: Der Schernhameforasch- Mensch. Lieder. Warschau 1933 Heschels jiddisch geschriebene Lieder sind moderne „Gedichte von einem polnischen Juden". Aber mit diesen Gedichten ist es anders als mit jenen, die 1772 herauskamen. Damals wollte der Jude mit aller Macht in den deutschen Kulturkreis eindringen, sich völlig gleichstellen und alles Jüdische aufgeben, — und er schrieb Gedichte, die nur „verhaßte Mittelmäßigkeit" zur Schau stellten. Heschel kennt die deutsche Kultur, er ist wissenschaftlich und methodisch geschult, und doch ist bei ihm die ursprüngliche jüdische Kraft, eine Kraft, die von dem tiefsten naturhaften Gefühl und zugleich von dem sondernden Verstand genährt wird. Das ist im gewöhnlichen Leben wohl ein Widerspruch, aber nicht hier. „Nur durch ein Wunder ist das Beisammensein von Bewußtsein undUnbewußtsein möglich. Es ist also möglich; aber nicht in der Ebene, sondern nur auf der Spitze menschlicher Kraft und göttlicher Gnade", sagt Max Brod. Diese Lieder, die von Gott wissen und um ihn ringen, lassen das Wunder spüren. Heschel steht im Banne des Schern hameforasch, des Unaussprechlichen Namens, er kann sich ihm nicht entziehen und kämpft mit ihm. Da steigert sich seine Kraft bis zu dem anklagenden DU; aus der Sicht des eigenen Leides und aus dem Leid des Bruder- Mensch entringt sich der furchtbare Schrei. Aber doch findet dieser Schrei stets wieder zu dem DU der Liebe und der Hingabe. Dir, Welt, schenk ich Das Flechtwerk meiner Glieder, Mein Wort, die Hände, 570