Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 10 (1934-1935)
- Issue
- Heft 12 (März 1935)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1935-03-01
- Page
- 568 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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sprechen, daß Zwiesprache daraus erwüchse — nein, dem Erasmus muß schon einer dienen, der das „Erasmische" besitzt und der diese Substanz von Humanität und friedlicher Einigungsenergie mit der Kraft einer lebenden Stimme und der Sprache voll konkreter Nähe vorzutragen weiß. Stefan Zweig vermag das so, daß nun doch die Herzen, zumindest aber die vernunftbegabten Sympathieorgane dem tragischen Helden Erasmus entgegenschlagen. Der Autor beginnt diese Biographie mit der Zusammenfassung der Gestalt, deren „Sendung und Lebenssinn" er vor uns hinstellt; „harmonische Zusammenfassung der Gegensätze im Geiste der Humanität" — das war die Sendung; Heraufführung einer glanzvollen Weltstunde und deren rasches, tragisches Ende — das war der Lebenssinn eines geduldigen Gentes, dessen Besiegtwerden es uns vertraut und wert macht. Denn nicht die Verwirklichung einier Idee, sondern das Richtungweisen auf sie hin bleibt der große Antrieb für die Menschheit, und die nicht realisierten und darum nicht verbrauchten Ideale „haben ewige Wiederkehr". Das ist zugleich die als Grundton mitschwingende Botschaft dieses Buches. Der Lebenslauf eines solchen von der Vernunft Beauftragten ist nicht bunt und welthaltig, und der sinnliche Wortreichtum Zweigs, der bei dem Lebensbild der Marie Antoinette so viel Stoff und Rahmenmöghchkeit vorfand, kann hier nur sparsam auftragen, abgrenzen und muß im Weglassen zeichnen. Die schönen, dem Buch beigegebenen Holbembüdnisse werden interpretiert, und aus dem schönsten wird der einsam-schöpferische Akt des Schriftstellers schlechthin gültig dargestellt. Es charakterisiert den Biographen wie den Dargestellten gleichermaßen, daß die ungebundene Parteilosigkeit des Erasmus, die ihm oft als Wankelmut und Falschheit ausgelegt worden ist, auch hier als wesentlicher Zug erscheint Zweig will nichts beschönigen, sondern das Wirkliche neu beleben; so wird dieser Schultadel hier zum Schlüssel des historischen Bildes. Dem parteilosen Erasmus stellt die Geschichte in Luther den Gegenspieler entgegen, und die Darstellung dieser Gegensätze als der großen Vertreter zweier Menschentypen bildet den Höhepunkt des Buches. Zweig stellt die Verschiedenheit der körperlichen und geistigen Erscheinungen ebenso deutlich dar wie die folgerichtige Spannung und Zuspitzung der gegenseitigen Stellung; das Versagen des briefeschreibenden, aber nicht gegenwärtig erscheinenden Erasmus in Worms, in' Augsburgund die leidenschaftlich hemmungslose Tat-und Redekraft des Protestanten. Das Streben nach der Unabhängigkeit des Gedankens und der Kampf um die Herrschaft des bekenntnisfordernden Glaubens stehen hier gegeneinander. Gleichzeitig mit dem Ende des Erasmus entsteht in dem „Principe" des Macchiavelli das große Gegenvorbild, und damit sind — nach Zweig — die gegensätzlichen Formen der Staats- und der Menschheitspolitik gegossen. Aus dem Leben und der Gestalt des Erasmus aber wird deutlich, was die Humanitätsidee in sich und für die Geschichte der Menschheit bedeutetund daß sie von der wirklichkeitsgeborenen Tragik, die sie immer umwölkt, nicht zu trennen ist. Hilde Cohn 568